Martin Schröder

Obwohl in den letzten Jahren das Interesse an der sächsischen Militärgeschichte zugenommen hat, warten weite Teile der militärischen Vergangenheit Sachsens immer noch auf eine moderne Untersuchung. Der Große Nordische Krieg, in welchem sich Sachsen unter August dem Starken als Kurfürsten und seit 1697 auch als polnischem König bewähren musste, gehört zweifellos zu den Desideraten der sächsischen Landes- und Militärgeschichte.

Dies ändert sich nun mit der 2016 an der Universität Potsdam angenommenen Dissertation von Alexander Querengässer über das kursächsische Militär im Großen Nordischen Krieg. Erstmals seit dem 19. Jahrhundert untersuchte Querengässer den Krieg aus Perspektive der sächsischen Überlieferungen. Ausweislich des überreichen Quellenverzeichnisses und nach dessen eigenen Angaben wertete der Autor nicht nur eine Vielzahl, sondern nahezu alle Akten des Dresdner Hauptstaatsarchivs zum Thema aus (28, 573-606). Dabei legte er anders als seine Vorgänger[1] seinen Fokus auf die Strukturen und Operationen der Armee. Der Autor ging hierbei der Frage nach, wie sich die Qualität des kursächsischen Militärs im europäischen Kontext einordnen lässt (22). An dieser Stelle lediglich den Vergleich zwischen den Armeen Sachsens und dessen Hauptgegner Schwedens anzustellen, lag Querengässer jedoch fern. Vielmehr war er bestrebt, die Merkmale und Entwicklungen der sächsischen Armee mit anderen Mächten, wie der Habsburger Monarchie oder Brandenburg-Preußen abzugleichen, um Innovationen oder Rückständigkeiten zu identifizieren.

Gerade den Operationen einen hohen Stellenwert einzuräumen (23-24), dies allerdings vor dem Hintergrund der organisatorischen Bedingungen und bisweilen auch der kulturgeschichtlichen Aspekte des Militärs zu tun (28-29), weist die Herangehensweise Querengässers als innovativ aus. Bereits Bernd Wegner hatte die essenzielle Bedeutung der Operationsgeschichte für die Militärhistoriographie hervorgehoben und gleichzeitig die Notwendigkeit betont, auch die Analyse der Operationen den Perspektiven der Neuen Militärgeschichte zu öffnen.[2]

Dieser methodische Zugriff mündet konsequent in den Aufbau der Arbeit. Die Gliederung besteht aus einer abwechselnden Folge von struktur- und operationsgeschichtlichen Kapiteln. Nach der Einleitung analysiert Querengässer im zweiten Abschnitt die politischen und organisatorischen Bedingungen sowie die Charaktereigenschaften Augusts des Starken und Karls XII. von Schweden, um den Zustand der Armeen vor Kriegsbeginn herzuleiten.

Darauf folgt das dritte Kapitel, welches nun die Feldzüge zwischen 1700 und 1706 fokussiert. Die Darstellung folgt der Chronologie, behält aber logistische Aspekte, wie die Magazinbefüllung über die Ostsee mit anschließendem Wagentransport im Blick (142). Feste Bestandteile des Abschnittes sind zudem mehrere Unterkapitel, welche die Aufstockung der Truppe zum Gegenstand haben und somit sozialgeschichtliche Faktoren der anschließenden Kampfhandlungen beleuchten (177-184, 202-204, 224-228).

Der vierte Teil der Dissertation ist wieder den strukturellen Aspekten gewidmet, die sich über organisatorische, finanzielle, logistische, technische, taktische und politische Fragen erstrecken. Zu letzteren gehört auch der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), der insbesondere die Entlastung von Quartierskosten durch Truppenstellungen für das Bündnis gegen Ludwig XIV. von Frankreich und Einkünfte aus Subsidien bedeutete (401). Dadurch konnte Sachsen, welches nach dem Frieden von Altranstädt (1706) ein Jahr von schwedischen Truppen besetzt worden war, sein Heer größtenteils erhalten, um es später erneut gegen Schweden einzusetzen. An dieser Stelle lässt sich ablesen, dass Querengässer seinen Fokus über sein Fallbeispiel hinaus weitet, um wichtige Rückschlüsse und Verknüpfungen herzustellen, dabei jedoch nicht abschweift.

Mit der Schilderung der Rückeroberung Polens und des Aufstandes der Konföderation von Tarnogród beschäftigt sich das fünfte Kapitel. Anders als im dritten Abschnitt ist die Untersuchung der Operationen nun räumlich und chronologisch angelegt. Aber auch innerhalb dieses Teils lässt der Autor strukturelle und kulturgeschichtliche Facetten in seine Darstellung einfließen. Das Unterkapitel 5.2. zum Militär in Kursachsen zwischen 1706 und 1716 legt z. B. nahe, die Appellation an die vaterländische Motivation der Soldaten 40 Jahre früher, als es Stefan Kroll postulierte,[3] zu datieren (420). Darüber hinaus belegt dieser Abschnitt, dass Querengässer nicht nur die im Felde stehenden Truppen im Fokus hat, sondern das kursächsische Militär in seiner Gesamtheit, also auch die in der Heimat verbliebenen Soldaten oder die Landmilizverbände mitbetrachtet.

An das Ende der Arbeit stellt der Verfasser ein Kapitel zur Reduktion des Heeres nach dem Frieden von Warschau (1716). Dies mag auf den ersten Blick etwas überraschen, da Querengässer seine Untersuchung nach dem Friedensschluss nicht abbricht. Beim zweiten Hinschauen wird hingegen deutlich, dass die Verminderung des Militärs untrennbar mit der kriegsbedingten Verschuldung des sächsischen Finanzwesens verbunden war. Der Krieg endete demnach erst, nachdem auch seine Folgen in den Kassen Kursachsens weitgehend beseitigt waren. Deshalb bestanden in einer Heeresreduktion und Einnahmesteigerung die einzigen Wege, Ausgaben zu verringern und die Schuldenlast abzubauen. Aber auch hier begnügt sich der Autor nicht mit der Darstellung des Personalabbaues, sondern bereichert seine Ausführungen z. B. mit Überlegungen zum Abdankungsmodus. August der Starke selbst sprach sich gegen eine Entlassung der Soldaten in Polen aus, weil er wollte, dass die gut ausgebildeten Männer in Kursachsen blieben und für zukünftige Aufrüstung oder die Wirtschaft verfügbar waren (539).

Im Fazit postuliert der Verfasser, dass die sächsische Armee samt ihrer Administration während voriger Kriegsteilnahmen („Großer Türkenkrieg“, Pfälzischer Erbfolgekrieg) nur Feldzugserfahrungen gesammelt hätte, welche für eine eigenständige Kriegsführung nicht ausgereicht hätten (560). Ausgerechnet hier unterläuft Querengässer ein Tippfehler, der jedoch den Sinn des Satzes verfälscht. Er schreibt vom „ausgehenden 18. Jahrhundert“, meint aber das 17. Jahrhundert, in dem Johann Georg III. von Sachsen (1647-1691) an der Seite seiner Soldaten an den obengenannten Kriegen teilgenommen hatte. Davon abgesehen, erscheint die Beurteilung des Autors hier fraglich, da ohne Untersuchung der sächsischen Kriegsführung in den Konflikten vor 1700 wenig für diese These spricht. Schließlich war August der Starke von 1695-1697 selbst Oberbefehlshaber der Koalitionsstreitmacht in Ungarn gewesen und deshalb stark in strategisch-logistische Belange eingebunden. Auch Augusts Vater war ab 1690 Oberbefehlshaber der Reichsarmee während des Pfälzischen Erbfolgekrieges gewesen und hatte bereits in den 1680er Jahren (Entsatz von Wien 1683, Ungarnfeldzug 1686) beispielsweise die Versorgung der sächsischen Armee weitgehend unabhängig von der kaiserlichen Verwaltung verantworten müssen.

Aus diesem Grund überrascht es weniger, dass angesichts der vielen Niederlagen im Großen Nordischen Krieg der eigentliche Erfolg des sächsischen Heeres in der Fähigkeit bestanden hätte, jedes Jahr wieder Truppen ins Feld schicken zu können (561). Ursachen der Misserfolge sieht der Autor in der fehlenden Unterstützung der sächsischen Stände, der Unentschlossenheit bei Festungsverteidigungen und in der Unfähigkeit, die vorhandenen Ressourcen auf die militärischen Bedürfnisse hin zu bündeln (561). Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass strukturelle Verbesserungen – gerade was das Transportwesen anging – ausblieben, sodass wie auch in anderen europäischen Armeen z. B. vor jedem Feldzug Wagen und Zugvieh mühsam akquiriert werden mussten (565). Im Kontext der Theorie der „Military Revolution“ interpretiert Querengässer die Entwicklung der sächsischen Armee im Untersuchungszeitraum als „evolutionären Wandel“ in einem „einem progressiven Wandlungsprozess“ (563). Die Feldherrenfähigkeiten August des Starken bewertet Querengässer vergleichsweise positiv (566-567). Bei dessen Spitzengenerälen (u .a. Jakob Heinrich von Flemming) fällt er jedoch ein deutlich kritischeres Urteil, weil diese ihren Kontrahenten strategisch sowie taktisch unterlegen gewesen wären (568).

Mit seiner Untersuchung ist Querengässer eine äußerst quellennahe und thematisch breit aufgestellte Studie zur sächsischen Armee am Beginn des 18. Jahrhunderts gelungen, die nicht nur ihresgleichen in der Landesgeschichte Sachsens sucht. Auch darüber hinaus gelingt es ihm, in der Arbeit die Operationsgeschichte für die Neue Militärgeschichte methodisch fruchtbar zu machen, sodass sich die Dissertation sicherlich nicht unbeachtet in die Reihe „Krieg in der Geschichte“ einreiht, sondern Eingang in den Kanon der frühneuzeitlichen Militärgeschichte finden wird.

 

[1] Friedrich Graf von Beust: Feldzüge der Kursächsischen Armee. Camburg 1803. Oscar/Schuster; Friedrich August Francke: Geschichte der Sächsischen Armee von deren Errichtung bis auf die neuste Zeit. Leipzig 1885.
[2] Bernd Wegner, Wozu Operationsgeschichte?, In: Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn, Wien u.a. 2000, S. 113.
[3] Vgl. Kroll, "Gottesfurcht" und "Vaterlandsliebe". Zwei Triebfedern zur Motivierung und Disziplinierung im Krieg? Das Beispiel Kursachsen im 18. Jahrhundert, In: Michael Kaiser/ Ders. (Hg.): Militär und Religiosität in der Frühen Neuzeit (= Herrschaft und soziale Systeme in der frühen Neuzeit, 4), Münster 2004, S. 225-248.

 

Alexander Querengässer, Das kursächsische Militär im Großen Nordischen Krieg 1700-1717 (= Krieg in der Geschichte, 107), Paderborn 2019, 629 S., ISBN 978-3-506-78871-9, 148,00 €.

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Montag, 2. September 2019 - 11:10
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Christian Th. Müller