60. Internationale Tagung für Militärgeschichte (ITMG), Potsdam, 17. bis 19. September 2019
Henning de Vries

Mit dem Jahr 2019 jährt sich im November zum dreißigsten Mal der Fall der Mauer zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik 70 Jahre alt geworden, genauso wie es die Deutsche Demokratische Republik geworden wäre. Das vierzigste Jahr der Teilung und der Mauerfall prägten das Jahr 1989 und markierten das Ende einer historischen Episode, die ihren Ausgang am Ende des Zweiten Weltkrieges genommen hatte. Mit dieser Kontextualisierung des Tagungsprogramms eröffnete JÖRG HILLMANN (Potsdam) in seiner Funktion als Kommandeur des ZMSBw die 60. ITMG.

 

Den zeitlichen Beobachtungsrahmen von 1945 bis 1990 fokussierten die Organisatoren JÖRG ECHTERNKAMP und CHRISTOPH NÜBEL (Potsdam) auf eine deutsch-deutsche Perspektive. Die im Titel der Tagung einheitlich anmutende „Deutsche Militärgeschichte“ wurde damit ergänzend verdoppelt und sollte in einem deutsch-deutschen Vergleich münden. Die sich hieraus ergebenden konzeptuellen und methodischen Fragestellungen hinsichtlich der Gestaltung des Vergleichs und seines Mehrwertes sollten im Laufe der Tagung diskutiert werden und so der Öffnung neuer Forschungsperspektiven dienen. Gleichzeitig sollte durch die Verortung beider deutscher Staaten in Europa und in zwei verschiedenen Bündnissystemen die Tagung für eine internationale Perspektive geöffnet werden. Diese ließe sich sogar als transnationaler Zugriff bezeichnen, weil durch den Einbezug des Jahres 1945 auch die gemeinsam geteilte Geschichte zum Hintergrund für den Vergleich würde. Die Organisatoren schlugen mit den Forschungsbegriffen Repräsentation, Organisation und Tradition vor, die militärische Geschichte beider deutscher Staaten gemeinsam in den Blick zu nehmen. Den Repräsentationen widmeten sich die ersten beiden Panels, darauf folgten zwei Panels zur politischen und militärischen Organisation. In einem weiteren Panel wurden Narrative der Tradition herausgearbeitet und abschließend der Blick auf verschiedene Themenfelder wie Tourismus, Bedrohungslage und Militärkultur geöffnet.

Vor dem Beginn der Panels wurden durch Impulsreferate zum einen der Kontext der deutschen Militärgeschichte mit Blick auf den Kalten Krieg vertieft und zum anderen verschiedene Möglichkeiten des methodischen Zugriffs präsentiert. Zunächst lieferte MARK KRAMER (Cambridge/MA) eine Einordnung beider deutscher Staaten in die tragenden Bündnissysteme der NATO und der Warschauer Vertragsorganisation. Er skizzierte die Globalität des Kalten Krieges und verwies darauf, dass die einzelstaatliche Perspektive in diesem Blickwinkel häufig unterginge, weil durch die Frontstellung der USA und der Sowjetunion die Bipolarität der Welt zur tragenden Beobachtereinstellung würde. Gleichzeitig ließen sich jedoch Entwicklungen nur auf der globalen Ebene nachvollziehen, da zum Beispiel der Koreakrieg Auswirkungen durch eine wachsende Truppenpräsenz in Europa gefunden habe. Die beiden Vertragsorganisationen hätten formal der Verteidigung gegen Bedrohungen dienen und so den Bündnispartner der jeweiligen Führungsnation (USA oder Sowjetunion) ihres Schutzes versichern sollen. Während die NATO im Selbstverständnis eines „Klubs der Demokraten“ agierte, strich Kramer heraus, habe die Warschauer Vertragsorganisation der Kontrolle und Interessendurchsetzung der Sowjetunion gedient. Dies sei laut Kramer am Beispiel der Besetzung der Tschechoslowakei 1968 sowie anhand der einseitigen Repräsentation von sowjetischen Emissären in den Bündnisstaaten ohne reziproke Entsprechung erkennbar.

Die häufig betonte Abgrenzung der beiden Blöcke aufgrund von Geostrategie hinterfragte SARI AUTIO-SARASMO (Helsinki) hinsichtlich der wirtschaftlichen Verflechtungen. So habe die gegenseitige Abgrenzung der Blöcke den Rüstungswettlauf und damit ein technologisches Fortschrittsstreben befördert. Die Referentin machte deutlich, dass auch während des Kalten Krieges Verflechtungen unter den Blöcken existierten. Dies zeigte sie anhand der Beziehungen der Sowjetunion zu Nokia und zu Siemens, die jedoch den Bedingungen des Kalten Krieges unterlegen hätten. Mit der sowjetischen Invasion Afghanistans seien die Handelsbeziehungen aber erheblichen Restriktionen unterworfen worden.

Die einleitenden Impulsvorträge schloss HERMANN WENTKER (Berlin) mit einer Perspektive auf die Chancen und Grenzen einer deutsch-deutschen Militärgeschichte ab. In seiner Darstellung wurde das von Christoph Kleßmann konstatierte Konstrukt einer „Verflechtung in der Abgrenzung“ aufgenommen und damit auf eine wechselseitige Wahrnehmung der beiden deutschen Staaten gerichtet. Der Vergleich beider deutschen Staaten dürfe, so Wentker, keinem Selbstzweck dienen, sondern müsse über den Vergleich hinaus einen Erkenntnismehrwert liefern. Das tertium comparationis des Vergleichs sollte in jenen begründeten Gemeinsamkeiten gesucht werden, von welchen aus deren Bewältigung und Umgang skizziert werden könnte. Dies könnte sich beispielhaft auf die Einbindung durch die Bündnispolitik, die geteilte Tradition und Herkunft, die inneren Strukturen, das Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerung und auch die wechselseitige Perzeption beziehen.

Das Konzept der militärischen Repräsentation wurde in den ersten beiden Panels ausgeleuchtet. Panel I bot Außenansichten auf die Bundeswehr aus Perspektive der USA, Großbritanniens und der Schweiz. KATHLEEN J. NAWYN (Washington) analysierte in ihrem Beitrag das Bild des deutschen Offizierskorps in der US Army am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Zielstellung der USA sei es gewesen, Deutschland daran zu hindern, erneut einen Krieg zu beginnen. Nachdem die infolge des Ersten Weltkrieges verhängten Auflagen sich nicht als wirkungsvoll erwiesen hätten, seien nun andere Lösungen erforderlich. Die große Gefahr sei nach Ansicht der USA vom Generalstab des Heeres als Verantwortlichen und Trägern eines Kriegskults ausgegangen. Die US-Strategie der Entnazifizierung habe diese Gruppen daher besonders in den Fokus gerückt. Darüber hinaus seien verschiedene Pläne zur Einhegung des ehemaligen Offizierskorps entwickelt worden. So sei diskutiert worden, das Offizierskorps in einer Kolonie zu isolieren, Reiseverbote zu verhängen oder dessen Aktivitäten zu überwachen. Schließlich wurde ein Rehabilitierungsprogramm umgesetzt, dass durch individuelle Bildung mehr als eine generelle Aburteilung erreichen sollte. Diese Entwicklung habe auch unter dem Eindruck des beginnenden Kalten Krieges gestanden.
PETER SPEISER (London) untersuchte hingegen die britische Perspektive auf die westdeutschen Streitkräfte in den Sechzigerjahren am Beispiel von Schießübungen der Bundeswehr in Wales. Der von Speiser untersuchte Fall des ab 1961 in Pembroke für Schießübungen der Bundeswehr zur Verfügung gestellten Truppenübungsplatzes wurde ebenfalls unter der Frage nach dem Umgang mit deutschen Truppen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges nachgegangen. Speiser skizzierte einen Wandel der öffentlichen Meinung von der Ablehnung der Deutschen – vor allem während der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik – bis hin zur Akzeptanz eines deutschen Wehrbeitrags. So habe sich die öffentliche Meinung in Großbritannien zu Beginn der 1960er Jahre aufgrund der Integration Deutschlands in die NATO, Prämissen der britischen Verteidigungspolitik und der Drohkulisse des Kalten Krieges positiv verändert.
Abschließend berichtete MICHAEL M. OLSANSKY (Zürich) anhand des Personalaustausches zwischen Schweizer Armee und Bundeswehr über die schweizerische Perspektive auf das deutsche Kontingent in den Sechzigerjahren. Das Interesse der eidgenössischen Milizarmee am Personalaustausch sei im Zuge der NATO-Integration der Bundeswehr und der Eigenarten eines stehenden Heeres (Bundeswehr) entstanden. Diese beiden Aspekte hätten vor dem Hintergrund eines möglichen Einsatzes von Atomwaffen sowie von Offensiv- und Verteidigungsplanungen in Mitteleuropa als potentielles Schlachtfeld an Relevanz gewonnen. Der Vortragende stellte heraus, dass aus Sicht der schweizerischen Austauschsoldaten die deutschen Offiziere im „historisch-politisch-militärischen Denken“ eingeschränkt gewesen seien und dass es an einer gewissen Disziplin gemangelt habe. Solche Beobachtungen zeigten, mit welchen Erwartungen an Erfahrung und Disziplin die Schweizer der Bundeswehr begegnet und wie auf die Enttäuschungen dieser Erwartungen reagiert worden seien.

Das zweite Panel fokussierte die Meinungsbildung über die Bundeswehr und die NVA aus der Binnenperspektive des jeweiligen deutschen Staates. Jene Repräsentationen wurden in den folgenden Beiträgen konsequent aus der Sicht von Beobachterinstanzen und entlang der Außen- und Innenperspektiven der deutschen Staaten vergleichend analysiert. Zunächst untersuchte CLAUDIA KEMPNER (Hamburg) die west- und ostdeutsche Friedensbewegung hinsichtlich ihrer Möglichkeiten für eine deutsch-deutsche Annäherung. Den Ausgangspunkt für den Vergleich der deutschen Staaten bildete die aufkommende Friedensbewegung. So seien Auslöser für die Friedensbewegung in der DDR der „Zweite Kalte Krieg“, die schwindende Wirtschaftskraft sowie wachsende gesellschaftliche Kräfte gewesen. Als staatliche Antwort sei die Zivilverteidigung gestärkt worden, indem die Bevölkerung bereits in der Kindheit im Waffenumgang geschult wurde. Die evangelische Kirche habe sich für die Friedensbewegung daraufhin als ein Ort des Widerspruchs und des Protests entwickelt, da ein Wehrersatz in der DDR ab 1964 nur aus religiösen Gründen möglich war. Dagegen habe die westdeutsche Friedensbewegung ihren Ausgang bereits beim Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss genommen. Kemper konstatierte, dass die breite Anhängerschaft der Friedensbewegung und die im Gegensatz zur DDR bestehende Möglichkeit zur offenen Meinungsbekundung keinen Effekt auf die Bundestagswahl von 1982 entfaltet habe. In beiden Staaten zeigte sich jedoch eine aus der gemeinsamen Geschichte geformte Ablehnung des Militarismus.
Anschließend referierten HEIKO BIEHL und TIMO GRAF (Potsdam) über die öffentliche Meinung zu Sicherheitspolitik und Streitkräften in beiden deutschen Staaten. In diesem auf Basis von quantitativen Daten durchgeführten Vergleich wurde die Verteidigungsbereitschaft von Jugendlichen in der Bundesrepublik und in der DDR analysiert. Hierzu wurden zeitgenössische Daten mit heutigen Methoden bearbeitet. Es konnte durch die Datenanalyse gezeigt werden, dass die Verteidigungsbereitschaft in der DDR zum Ende der 1980er Jahre abnahm, während diese in der Bundesrepublik sich nicht signifikant veränderte. Außerdem sei sichtbar geworden, dass die Verteidigungsbereitschaft in der DDR stärker als in der Bundesrepublik durch latente Ideologie und Feindbilder beeinflusst wurde. Allerdings betonten die Referenten, dass sozialistische und militärische Einstellungen in der DDR auseinandergefallen seien. Dies verweist auf die Notwendigkeit weitergehender Forschung insbesondere in Bezug auf den Faktor der militärischen Sozialisation. Hier sei zwar erkennbar, dass diese in der DDR stärker wirkte, aber der Zusammenhang zur sozialistischen Einstellung noch weiter untersucht werden müsse.
Der Vortrag von RÜDIGER WENZKE (Potsdam) widmete sich Formen von Widerständigkeit und Verweigerung in beiden deutschen Streitkräften. Formen der Kriegsdienstverweigerung habe es in beiden Staaten gegeben, wobei es in der DDR kein entsprechendes Rechtsinstitut wie im Westen gegeben hatte. Als Alternative bestand nur der Einsatz als Bausoldat. Die häufigste Form der Renitenz in beiden Streitkräften habe das unerlaubte Fernbleiben gebildet, welches in der DDR bereits nach 24 Stunden – in der Bundesrepublik waren es drei Tage – einschlägig gemacht und härter als im Westen bestraft wurde. Besonders stellte Wenzke ein Fall von Meuterei in der NVA im Jahr 1964 heraus, der jedoch einmalig blieb. In beiden deutschen Streitkräften habe die vorkommende Renitenz jedoch nicht für eine wesentliche Beeinträchtigung der Einsatzfähigkeit gesorgt.

Im Anschluss an die „Repräsentation“ wurde im dritten und vierten Panel die Organisation der Streitkräfte als Vergleichsdimension thematisiert. Zunächst läutete RUDOLF SCHLAFFER (Potsdam) das folgende Panel mit einem Vortrag über die militärische Spitzengliederung in den beiden deutschen Staaten ein. Ausgehend vom Ende des Zweiten Weltkrieges verstand sich die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches, während die DDR einen Gegenentwurf zur Bundesrepublik darstellte. Somit war die Gründung der jeweiligen Streitkräfteorganisation in den beiden deutschen Staaten durch den Systemgegensatz aufeinander bezogen. Trotz dieser Unterschiede sei bei beiden deutschen Staaten das Primat der Politik gegenüber dem Militär hervorgetreten. Diese These wurde anhand der Spitzengliederung in beiden deutschen Streitkräften belegt, indem exemplarisch der Generalinspekteur der Bundeswehr bzw. der Minister für Nationale Verteidigung in ihren Kompetenzen mit anderen Funktionsträgern des jeweiligen politischen Systems verglichen wurden.
DOROTHEE HOCHSTETTER (Potsdam) setzte sich am Beispiel der Verteidigungsausschüsse von Bundestag und Volkskammer mit den parlamentarischen Kontrollinstitutionen der Streitkräfte auseinander. In ihrer formalen Organisation seien diese sehr ähnlich gewesen. In praktischer Hinsicht hätten sich jedoch Unterschiede gezeigt, die sich u. a. in deren Sitzungshäufigkeit (etwa acht Mal jährlich in der DDR, dagegen über 100 Mal in der Bundesrepublik) manifestierten. Während der Ausschuss in der DDR damit nur eine Symbolfunktion gehabt habe, diene der Verteidigungsausschuss in der Bundesrepublik nach wie vor als Transmission von Regierung zur Bevölkerung. Dieser Rollenunterschied wurde durch Hochstetter vor allem aus dem Systemunterschied abgeleitet.
Das Panel schloss der Vortrag von MICHAEL EPKENHANS (Potsdam) mit der politischen Interessenvertretung der Streitkräfte. In der Bundesrepublik entstanden die Veteranenorganisationen im Nachwirken des Zweiten Weltkrieges. Die Soldaten hätten nach Kameradschaften und einer Interessenvertretung gesucht, die sich zum einen der Verbesserung ihrer sozialen Stellung und zum anderen dem problematischen Image von Kriegsteilnehmern widmen sollten. Obwohl für die soziale Stellung ausreichend Druck auf die Politik ausgeübt worden sei, um Erfolge zu erzielen, sei dies hinsichtlich der Deutungshoheit über den Zweiten Weltkrieg und die Nationalsozialistischen Verbrechen nicht gelungen. In der DDR habe dagegen eine pluralistische Veteranenorganisation gefehlt. Die vom Staat eingerichtete Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere (AeO) habe allein propagandistischen Zwecken gedient und sei letztlich im Zuge der Annäherung der deutschen Staaten als Anzeichen der Entspannung aufgelöst worden.

Als zweite Binnenkategorisierung der Organisationsdimension wurde die militärische Perspektive gewählt. Hier eröffnete KLAUS STORKMANN (Potsdam) das Panel IV mit einem Vortrag zur Gliederung der Streitkräfteorganisation. Sein Fokus richtete sich vor allem auf die Fähigkeitspotentiale der beiden deutschen Streitkräfte. Hierfür wurde für die Truppengliederungen der beiden deutschen Streitkräfte das Bataillon als Vergleichsgröße festgelegt und hiervon ausgehend ein Vergleich dieser Verbandsgröße vorgenommen. Mit dem organisationssoziologischen Begriff der Isomorphie wurde gezeigt, dass vor dem gemeinsamen Horizont des Kalten Krieges die beiden deutschen Streitkräfte zwar unterschiedlich gegliedert worden seien, aber ähnliche Fähigkeitsprofile entwickelt hätten und sich somit in Teilen ebenbürtig gewesen seien.
Diese Binnenperspektive wurde durch den Vortrag von KLAUS SCHROEDER (Wilhelmshaven) zur politischen Bildung in den Dienst- und Ausbildungsstrukturen von Bundeswehr und NVA fortgesetzt. Der Vortrag stellte die Verbindung zwischen der jeweiligen politischen Organisation und dessen Umsetzung im Dienstalltag der beiden deutschen Streitkräfte deutlich. Die politische Bildung in der Bundesrepublik bzw. die politisch-ideologischen Arbeit in der DDR habe nicht nur der Festigung des jeweiligen politischen Primats gedient, sondern auch der Motivation der Soldaten. Schroeder stellte fest, dass in beiden deutschen Staaten ein unterschiedliches Soldatenbild geherrscht habe: Während in der Bundesrepublik der Staatsbürger in Uniform seine Reife durch Innere Führung und die äußere Führung des Befehls erlangen sollte, sei in der DDR der ideale Soldat ein guter Sozialist und damit ein explizit politischer Mensch gewesen, der sich dem Sozialismus verschreiben sollte.
Abschließend untersuchte VÁCLAV ŠMIDRKAL (Prag) in seinem Vortrag die Funktion von Kunst und Musik in osteuropäischen Streitkräften. Die Adressierung der Öffentlichkeit und die Veranschaulichung militärischer Tradition habe der Motivation der Bevölkerung und der Präsentation der Truppe gedient. In den NATO-Streitkräften hätten dagegen solche künstlerischen Einrichtungen gefehlt, da diese für die Legitimation des militärischen Instruments nicht als erforderlich erachtet wurden.

Im Abendvortrag griff DOMINIK GEPPERT (Potsdam) erneut die methodologische Perspektive auf den angestrebten deutsch-deutschen Vergleich auf. Er explizierte seine Überlegungen am Beispiel der Architektur der Regierungssitze Bonn und Berlin. Die Bonner Architektur wäre zunächst von der doppelten Abgrenzung gegenüber dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus sowie der provisorischen Unterbringung von Ämtern und Ministerien gekennzeichnet gewesen. Dagegen habe sich die DDR-Architektur zunächst am stalinistisch-monumentalen Baustil orientiert und so einen sozialistischen Klassizismus geprägt. Abgrenzung und Parallelität seien an der Architektur besonders deutlich geworden, da beide deutsche Staaten an Berlin als Hauptstadt festgehalten hätten. In der bisherigen Darstellung sei die westdeutsche Geschichte ab 1945 geschrieben, die DDR allerdings erst ab 1990 miteinbezogen worden. Dabei gibt es nach Geppert hinreichende Themen hierfür: wirtschaftliche Effekte, Fluchtbewegungen im Zuge des Zweiten Weltkrieges, die Rolle der Frau, der Kampf um die Jugend, Umgang mit dem Nationalsozialismus usw. Dies biete viele Möglichkeiten für eine Kontrast- und Abgrenzungsgeschichte zweier Parallelgesellschaften sowie zugleich für eine Verflechtungsgeschichte. Ein produktiver Ansatz ergibt sich für Geppert vielmehr aus den Besonderheiten der Teilung als genuine Produkte des Kalten Krieges, der Rolle der Generationen und ihrer Sozialisation nach zwei Weltkriegen sowie der Topographie eines geteilten Landes.

In der Vergleichsdimension der Tradition (Panel V) wurde deren Stiftung durch Narrative und soziale Praxis dargestellt. Eingangs referierte JOHN ZIMMERMANN (Berlin) zur Traditionspraxis der Bundeswehr und der NVA. Zimmermann betonte die Kontinuitäten, die sich in Bundeswehr und NVA zum „Dritten Reich“ gezeigt hätten. Mit Gerhard von Scharnhorst, der sowohl für die Bundeswehr als auch die DDR ein wichtiger Bezugspunkt militärischer Tradition gewesen sei, hätten jedoch auch ältere Traditionslinien bestanden. Beide Streitkräfte deuteten die jeweiligen historischen Figuren entsprechend ihrer Ausprägung des Primats der Politik aus und leiteten damit auch Mythenerzählungen an. Abschließend plädierte Zimmermann dafür, auch die Kontinuitäten bei der Polizei beider deutscher Staaten genauer in den Blick zu nehmen.
JENS BOYSEN (Warschau) zeigte in seinem Vortrag über die polnische Armee seit 1918, wie die äußere Abgrenzung gegenüber den deutschen Streitkräften die Traditionsbildung anregte. Im Kampf um die Befreiung von der deutschen Besatzung wurde ab 1943 von der Sowjetunion die 1. Polnische Division aufgestellt. Während des Krieges sei sie zum Symbolträger Polens geworden und habe die kommunistische Nachkriegsregierung legitimiert. Diese Stellung habe sich aus einer Ablehnung Deutschlands begründet, die über die Jahrhunderte durch beständige Überfälle und Gebietserweiterungen geprägt gewesen sei. Der Marsch der polnischen Armee an der Seite der Roten Armee wurde so zu einer eigenen Siegeserzählung stilisiert.
Im Vortrag von WOLFGANG FORM (Marburg) über die Bundeswehr und die Verjährungsdebatte der 1960er Jahre wurde die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen thematisiert. Mit der Frage nach dem Rechtsfrieden skizzierte er die Debatte um die Verjährungsfristen für Verbrechen wie Landfriedensbruch, Körperverletzung und Mord, die während des nationalsozialistischen Regimes begangen wurden. Hierbei wurde insbesondere herausgestellt, dass viele Verbrechen bereits in den 1950er Jahren verjährten. Schließlich war 1960 nur der Tatbestand des Mordes noch nicht verjährt. Der Eichmann-Prozess 1961 habe hier den Bedarf der Aufarbeitung angezeigt, wobei die westdeutschen Behörden diesem nur begrenzt nachgekommen seien. Zwar wurde die Verjährungsfrist bis 1979 verlängert, jedoch zeigte der Referent anhand der statistischen Darstellung der Strafverfolgung, dass diese nach den Anfangsjahren der Bundesrepublik nahezu zum Erliegen kam.


Das letzte Panel, welches sich mit den Themen Tourismus, Bedrohung und Militärkultur auseinandersetzte, leitete JAN-HINNERK ANTONS (Hamburg) mit einem Referat zum ambivalenten Verhältnis von Militär und Tourismus in beiden deutschen Staaten ein. Zunächst wurde auf die scheinbare Gegensätzlichkeit von Tourismus und Militär verwiesen, allerdings hätten sich vielfältige Kontaktpunkte gefunden. Das Militär habe sich wegen seiner diametralen Entgegensetzung als das Außergewöhnliche präsentiert, das im Tourismus erfahrbar gewesen sei und damit eine Durchbrechung des Alltages ermöglicht hätte. Dies wurde am Beispiel der Kieler Woche in der Bundesrepublik deutlich, die mit kurzer Unterbrechung seit den 1882er Jahren der maritimen Machtdemonstration gedient habe. Gleiches galt jedoch auch für die Rostocker Woche sowie für die Ueckermünder Haffwoche in der DDR. Somit habe sich das Militär trotz unterschiedlicher ideologischer Motivation in beiden Staaten als touristischer Anbieter gezeigt.
Einen anderen Aspekt nahm GEORG SCHILD (Tübingen) mit den Bedrohungswahrnehmungen in der Regierung Reagan auf. Schild stellte die Wechsel der Sprach- und Handlungsmuster in der Regierungszeit Ronald Reagans heraus. Da sich die bisherige Politik der Verwaltung des Kalten Krieges nicht als zielführend erwiesen hatte, habe Reagan eine Politik des Drucks und des Widerstands gegen die Sowjetunion an angestrebt. Die internationale Politik sei offenbar als Nullsummenspiel betrachtet worden, in dem zwar keine militärische Lösung herbeigeführt werden konnte, aber die Erwartung an den Zusammenbruch durch eine konfrontative Politik bestanden habe. Da unmittelbare Erfolge ausblieben, habe Reagan 1983/84 die Sprache der Bedrohung abgeändert und sei auf die Sowjetunion zugegangen.
Das Panel schloss THORSTEN LOCH (Berlin) mit einem Blick auf den Kulturraum des Militärischen beiderseits der Mauer. Anhand der Bilder des Generalisten und des Spezialisten skizzierte Loch die Ausbildung und Erwartungen an die Generalität in Ost und West. Hierbei verwies er für Westdeutschland auf eine Kontinuität des Karriereverlaufs, welcher mit dem in Reichswehr und Wehrmacht vergleichbar sei. Dieser Karriereverlauf habe verschiedene Verwendungen vorgesehen und damit vielseitig einsetzbare Offiziere hervorgebracht. Dagegen sei die NVA nach dem Vorbild der Sowjetunion auf den Karriereverlauf eines Spezialisten ausgelegt gewesen, der in ähnlichen Verwendungen eingesetzt eine direkte Karriereleiter erklimmen konnte. Diese unterschiedlichen Wege hätten sich auch auf das militärische Führungsverhalten ausgewirkt. Dies sei, so Loch, auch durch unterschiedliche Weltbilder begründet gewesen: In der NVA sei der Spezialist nur als ein Rädchen innerhalb des Sozialismus betrachtet worden, während in der Bundesrepublik der Generalist im Sinne der Inneren Führung selbsttätig agieren sollte.

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass sich eine vergleichende Perspektive auf übergeordnete Problemzusammenhänge und Forschungsbegriffe konzentrieren und innerhalb der formativen Grenzen des Kalten Krieges bewegen müsse. Diese formativen Grenzen bezeichnen zum einen die Bedingungen der Trennung und damit der Parallelgeschichte beider deutscher Staaten. Zum anderen könnten diese Grenzen nicht als undurchlässig beschrieben werden, da durch die gegenseitige Beobachtung der deutschen Staaten und gerade durch den Versuch der Abgrenzung eine Verflechtungsgeschichte beschreibbar werde. Parallel- und Verflechtungsgeschichte nähmen ihren Ausgang im Ende des Zweiten Weltkriegs und ließen sich als zwei Aspekte der Episode der deutschen Teilung verstehen.

Die Tagung hat entsprechend ihrer Konzeption, eine Forschungsperspektive auf den deutsch-deutschen Vergleich zu öffnen, vielfältige Perspektiven sichtbar gemacht. Zugleich wurden diese Perspektiven mittels der Vergleichsdimensionen geordnet, ohne sie dadurch gegen- und füreinander zu isolieren. Über die einzelnen Vorträge und Panels hinaus ergaben sich sinnvolle und weiterführende Querbezüge. Die Vorträge lassen sich als Suchbewegungen nach der Konzeption des deutsch-deutschen Vergleichs in militärhistorischer Perspektive lesen, die unterschiedliche inhaltliche und methodische Denkmöglichkeiten aufwiesen. Während jeder Vortrag im Einzelnen zeigte, was von seinem tertium comparationis aus sichtbar wird, wurde im Vergleich der Vorträge deutlich, was füreinander unsichtbar bleibt. Die Gefahr des Vergleiches liegt darin, die Perspektiven auf den Gegenstand gegeneinander zu isolieren. Mit dem Motiv der Verflechtung in der Abgrenzung liegt bereits ein Ansatz vor, um dieser Gefahr zu entgehen. Dennoch braucht der Vergleich mehr als ein tertium comparationis, um eine vielschichte und umfassende Darstellung der deutsch-deutschen Militärgeschichte zu ermöglichen. Die Tagung bot einen gelungenen Auftakt für das Forschungsprojekt des ZMSBw zur deutsch-deutschen Militärgeschichte und für übergreifende, beide deutsche Staaten in ihren Systemzusammenhängen berücksichtigende Forschungen.

 

Tagungsprogramm:

17. September 2019

Begrüßung
Jörg Hillmann/Michael Epkenhans

Einführung
Jörg Echternkamp, Christoph Nübel

Impulsreferate (Moderation: Agnes Bresselau von Bressensdorf)
Mark Kramer, Germany, the East-West Military Confrontation, and the Cold War Sari Autio-Sarasmo, Between East and West: The Cold War in Europe
Hermann Wentker, Das doppelte Deutschland und die Streitkräfte. Chancen und Grenzen einer deutsch-deutschen Militärgeschichte

Buchpräsentation: Dokumente zur deutschen Militärgeschichte 1945–1990

18. September 2019

Panel I: Außenansichten deutscher Streitkräfte (Moderation: Jörg Echternkamp)
Kathleen J. Nawyn, “Highly Capable Men”: The U.S. Army in Europe and the German Officer Corps, 1945–1949
Peter Speiser, „Panzers welcome?“ - Britische Reaktionen auf die Schießübungen der Bundeswehr in Wales, 1961
Michael M. Olsansky, „Nicht gerade zackig hier…“ – Schweizerische Innenansichten aus der Bundeswehr und Fernsichten auf die NVA (1959–1970)

Panel II: Gesellschaftliche Urteile in der nationalen Binnenperspektive (Moderation: Jürgen Elvert)
Claudia Kemper, Die west- und ostdeutsche Friedensbewegung über Militär und Militarismus. Herausforderungen und Chancen für eine deutsch-deutsche Annäherung
Heiko Biehl/Timo Graf, Öffentliche Meinung zu Sicherheitspolitik und Streitkräften in Demokratie und Diktatur: Ein Beitrag zur Soziologie zivil-militärischer Beziehungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR
Rüdiger Wenzke, Zwischen Renitenz und Verweigerung. Zum Umgang mit nonkonformistischen Verhaltensweisen von Soldaten in beiden deutschen Streitkräften

Panel III: Die politische Organisation der Streitkräfte (Moderation: Nina Leonhard)
Rudolf Schlaffer, Die militärische Spitzengliederung in der Bundesrepublik und der DDR
Dorothee Hochstetter, Verteidigungsausschüsse in Bundestag und Volkskammer. Organisation, Repräsentation und Praxis parlamentarischer Verteidigungspolitik
Michael Epkenhans, Veteranenorganisationen und Politik im geteilten Deutschland

Panel IV: Die militärische Organisation der Streitkräfte (Moderation: Dorothee Brantz)
Klaus Storkmann, Divisionen, Brigaden, Regimenter: Zwei deutsche Landstreitkräfte im Vergleich Klaus Schroeder, „Politische Bildung“ und „politisch-ideologische Arbeit“ in der Dienst- und Ausbildungsstruktur von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee
Václav Šmidrkal, Staging Socialist Military: Performing Arts in the Armed Forces of Czechoslovakia, GDR and Poland

Abendvortrag Dominik Geppert, Deutsch-deutsche Geschichte im Kalten Krieg

19. September 2018

Panel V: Narrative und soziale Praxis der Traditionsstiftung (Moderation: Cornelia Grosse)
John Zimmermann, Zwischen Mythologie und Ideologie – Tradition in der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee
Jens Boysen, Schimmernde Wehr über den Regimen. Traditionspflege und öffentliches Repräsentationswesen der Polnischen Armee als moralische Stütze der ‚ewigen Nation‘ 1918–2018
Wolfgang Form Die Bundeswehr unter dem Damoklesschwert der Verjährungsdebatte der 1960er Jahre

Panel VI: Tourismus, Bedrohung, Militärkultur (Moderation: Christoph Nübel)
Jan-Hinnerk Antons, Zum ambivalenten Verhältnis von Militär und Tourismus in BRD und DDR
Georg Schild, Bedrohungswahrnehmungen in der Regierung Reagan
Thorsten Loch, Der Kulturraum des Militärischen in Ost und West

DOI: 
10.15500/akm.02.03.2020
Artikeltyp: 
Paul Fröhlich
Veröffentlicht am: 
Montag, 2. März 2020 - 8:53