Teil I der Interviewreihe: 25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995-2020)
Daniel R. Bonenkamp/Takuma Melber

Lieber Herr Prof. Krumeich, Sie sind nicht nur ein langjähriger prominenter Protagonist der deutschen Militärgeschichtsforschung im Allgemeinen und ein Experte zur Geschichte des Ersten Weltkriegs im Besonderen. Sie sind auch Gründungsmitglied des Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (AKM) und seit 2005 Ehrenvorsitzender. In diesem Jahr feiert der 1995 gegründete AKM sein 25-jähriges Jubiläum. Welchen Herausforderungen blickte der AKM in seiner Gründungszeit entgegen?

Die Gründung des AKM Mitte der 1990er Jahre war sicherlich kein Zufall, sondern ein klares Indiz für ein neues Interesse sehr vieler Nicht-Militärs für das Militärische. Die Zeit war wohl reif für den Gedanken, dass die Geschichte des Militärs und der Kriege zu wichtig ist, um sie den Militärs zu überlassen. Die Herausforderung für die vielen Nicht-Militärs, die anfingen, sich für Militär und Krieg zu interessieren war allerdings, dass militärgeschichtliches Fachwissen in gewisser Weise „nachgepaukt“ werden musste. Es gab damals zu viele Historiker und Historikerinnen, die sich für Krieg und Militär interessierten, aber den Unterschied zwischen einer Division und einem Regiment, zwischen einem Generalleutnant und einem Leutnant nicht kannten. Weshalb man von den militärischen Forschern, in den allermeisten Fällen Berufsmilitärs, skeptisch oder verächtlich angesehen wurde.

 

Wie sehen Sie die Entwicklung militärgeschichtlicher Forschung in Deutschland von 1995 bis heute im Allgemeinen?

Diese Entwicklung sehe ich als einen stetigen Fortschritt. Die militär- und kriegsgeschichtliche Forschung ist heute (in Deutschland!) fest in ziviler Hand, wozu natürlich auch gehört, dass die Forschungsinstitutionen des Militärs inzwischen auch vollständig „zivilisiert“ sind, trotz der Uniformen und Abzeichen. Ich kenne unter den ernsthaften Militärhistorikern keinen dezidierten Militaristen mehr!

 

Und was für einen Beitrag hat der AKM über all die Jahre zu dieser Entwicklung geleistet?

Der AKM hat diesen Prozess angestoßen und durch die vielfältigen Publikationen, Tagungen usw. konsequent weitergeführt. Hier denke ich in allererster Linie an die unvergleichliche Buchreihe „Krieg in der Geschichte“ beim Schöningh-Verlag.1 Wenn man sich die Liste dieser Titel anschaut, dann weiß man sofort, was der AKM direkt und indirekt in Bewegung gesetzt und realisiert hat.

 

Was ist ihre eindrücklichste Erinnerung an den AKM? Gibt es vielleicht ein besonderes Ereignis, eine spezielle Publikation, eine Person o.ä., die Sie mit dem Arbeitskreis Militärgeschichte ganz besonders in Verbindung bringen und warum?

Für mich ist Wilhelm Deist, der leider viel zu früh verstorben ist, heute noch ein großes Beispiel für eine militärkritische Militärgeschichtsschreibung. Wilhelm Deist war ja schon seit den 1970er Jahren führend in einer kritischen Forschung zur Wilhelminischen Rüstungspolitik, spezialisiert auf den Schlachtflottenbau und die Marine-Institutionen. Aber er war auch Beamter im „Militärgeschichtlichen Forschungsamt“2 alter Prägung und dem institutionellen Druck seitens der militärischen „Amts“-Träger ungeheuer ausgesetzt. Wilhelm Deist hat sich nicht klein kriegen lassen. Er war für uns Jüngere ein echtes Vorbild. Und die eindrücklichste Erinnerung bleibt der Gründungsmoment des AKM auf dem Leipziger Historikertag 1994, wo, ich glaube auf Frage von Stig [Förster], ob man nicht einen zivilen Militärforschungsverein gründen wolle, es ein überwältigendes Echo der Anwesenden circa 200 Personen gab.

 

Sehen Sie noch Defizite der militärgeschichtlichen Forschung im Allgemeinen, aber auch in Deutschland im Speziellen im Jahr 2020?

Eigentlich bin ich superzufrieden, etwa mit der MGZ3 und den Aktivitäten des AKM, die ja zu einer Vielzahl von Tagungen und Publikationen zu militärischen Themen aller Art geführt haben. Ich glaube, man sollte aber noch mehr als bisher geschehen auf die jeweiligen Vorstellungen vom Krieg insistieren. Etwa auf das, was sich die militärischen und zivilen Entscheider vor 1914 unter dem „großen Krieg“ vorgestellt haben. Man hätte sicherlich 1914 im Juli anders gehandelt, wäre man sich klar gewesen, dass dieser Krieg zu Verdun und der Somme führen und mehr als 10 Millionen tote Soldaten kosten würde. In der Forschung zum Ersten Weltkrieg ist dieser Aspekt viel zu wenig präsent. Das gilt im Übrigen auch für alle anderen Kriege. Zudem sollte man sich in der Forschung auch noch stärker mit Kriegstraumata beschäftigen und – last but not least – mit logistischen Fragen: Was heißt es konkret, eine Division mit Nahrung und Nachschub zu versorgen? Wo liegen da die Unterschiede etwa zwischen 1870/71 und 1914-18?

 

Was für eine Entwicklung für die nächsten 25 Jahre erhoffen Sie sich, was den Stellenwert der Militärgeschichte in der Wissenschaftslandschaft, aber auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland anbelangt?

Es möge so weitergehen wie bisher. Aber es wäre sicherlich gut, wenn der AKM noch stärker als bisher nicht vorwiegend von den Studierenden und dem akademischen „Mittelbau“ alimentiert würde, sondern wenn man eigentlich nur UnivProf in militaribus werden könnte, wenn man Mitglied des AKM ist. Der AKM müsste als Institution stärker als bislang in die allgemeine Forschungsförderung durch staatliche Institutionen und die Stiftungen einbezogen werden. Mir scheint allerdings, dass die Militärgeschichte in unserer Gesamtgesellschaft viel weniger präsent ist als andere historiografische Bereiche, sieht man einmal von dem offensichtlich unstillbaren Bedürfnis nach „Schlachten der Weltgeschichte“ ab. Es könnte nützlich sein, wenn der AKM als Verein oder einzelne prominente Mitglieder mehr Stellung zu aktuellen militärpolitischen Fragen nehmen würden. Beispielsweise das gerade neu angestoßene Thema „Wehrpflicht“. Es erscheint mir vergleichsweise einfach, hier ein Interesse zu wecken an einer Geschichte der Wehrpflicht, auch im Zusammenhang mit der Entwicklung von Demokratie. Auch die ganz aktuelle Drohnen-Frage dürstet geradezu nach militärhistorischer Kompetenz.

 

Welches Thema würden Sie sich für eine zukünftige Jahrestagung des AKM oder für eine Publikation des AKM, beispielweise einen Sammelband, wünschen? Gibt es vielleicht eine Forschungsfrage, die Sie nicht hinreichend diskutiert sehen oder auf die Sie noch Antworten suchen?

Ich habe schon einige Fragen angesprochen, die für eine Tagung und/oder Publikation nützlich seine könnten. Vielleicht wäre am zugkräftigsten das vielfach theoretisch abgehandelte Thema „Totaler Krieg“. Aber unter dem Focus: „Totaler Krieg im Wandel der Zeiten“. Was ist eigentlich wann und warum „totaler Krieg“ und lässt sich das objektivieren?

 

Möchten Sie dem Arbeitskreis Militärgeschichte noch etwas für die nächsten 25 Jahre mit auf den Weg geben?

Vielen Dank, weiter so und: ad multos annos!

Artikeltyp: 
Takuma Melber
Veröffentlicht am: 
Montag, 21. September 2020 - 9:35