Sie sind hier

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Republikschutz und politische Gewalt in der Weimarer Republik (Dissertation)
Von: 
Sebastian Elsbach
Gemeinsamer Aufruf der Weimarer Koalition zur Reichstagswahl 1924 - Wikimedia Commons

Die Weimarer Republik wurde vielfach als „wehrlos“ geschmäht und angesichts ihres Endes ist die Persistenz dieser teleologischen Sichtweise nicht überraschend. Diese Perspektive, welche lediglich auf die vielfältigen Probleme und den Aufstieg der NSDAP blickt, verstellt jedoch den Blick auf zentrale Aspekte der Geschichte der ersten deutschen Demokratie. So gab es auch auf dem Feld der Militär- und Gewaltgeschichte starke Gegenströmungen zu den letztlich obsiegenden Nationalsozialisten. Die hier vorgestellte Dissertation widmet sich mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einem der wichtigsten Gegner von Hitlers SA, und zeichnet die politische Entwicklung des Reichsbanners zwischen 1924 und 1933 nach, wobei die Vor- und Nachgeschichte des Reichsbanners über organisatorische und biographische Verbindungen berücksichtigt wird. Anhand von Archivbeständen der Weimarer Justiz- und Sicherheitsbehörden, zeitgenössischen Publikationen und Erinnerungsberichten wird die Wirkung des Reichsbanners auf die Stabilität der Weimarer Republik analysiert.

Mit dem Konzept der wehrhaften Demokratie kann das Reichsbanner in einen breiteren zivilgesellschaftlichen und staatlichen Kontext des Republikschutzes eingeordnet und hierbei insbesondere auf den Aspekt der politischen Gewalt eingegangen werden. Die eigenen Aktivitäten wurden von den Reichsbannermitgliedern als Gegenmaßnahmen zum tiefgehenden Einfluss der republikfeindlichen politischen Kräfte in Verwaltung, Justiz- und Sicherheitsapparat und natürlich der zivilgesellschaftlichen Bedrohung in Form von NSDAP und KPD verstanden, wobei man die demokratisch orientierten Amtsträger unterstützen wollte. Hieraus ergab sich eine Spannung im Handeln der Reichsbannermitglieder, die zivile Zwecke mit teils gewaltsamen Mitteln verfolgten. Dies wird in der Arbeit durch die Begriffe Zivilkultur und Gewaltkultur aufgegriffen.

Dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold boten sich als Massenorganisation mit über 1,5 Millionen Mitgliedern verschiedene Mittel zum Schutz der Weimarer Republik. Neben den festlichen und propagandistischen Aktivitäten insbesondere im Rahmen der Wahlkämpfe, bestand eine wesentliche Aufgabe des Reichsbanners im Saal- und Versammlungsschutz. Aber anders als die Polizei war das Reichsbanner für gewaltsame Handlungen nicht staatlich legitimiert. Hieraus ergab sich ein zentrales Dilemma für die Arbeit der Republikschutzorganisation, welches versucht wurde durch eine defensive Gewaltstrategie zu minimieren. Festgestellt wurde u.a., dass das Begriffspaar Zivil-/Gewaltkultur nicht als Gegensatz, sondern als komplementär zu verstehen ist und die Aktivitäten des Reichsbanners ohne den zivilen bzw. gewalttätigen Gegenpart nicht zu verstehen wären. Es kann angesichts der Zeitumstände jedoch ebenfalls festgestellt werden, dass ohne die Bereitschaft zu gewalttätigem Handeln kein effektiver Schutz der Republik möglich war und ein Mangel dieser Bereitschaft bei den damaligen Amtsträgern zum Ende der Republik maßgeblich beitrug.

Durch einen mikrosoziologischen Blick auf politische Tötungsdelikte kann in diesem Rahmen näher untersucht werden, wie die Reichsbannermänner versuchten, diese defensive Gewaltstrategie in Extremsituationen umzusetzen und wann es ihnen nicht gelang, eine defensive Haltung zu waren. Umgekehrt ermöglicht dies auch, die recht eindeutigen Unterschiede im Handeln der Reichsbannermänner im Vergleich mit ihren meist nationalsozialistischen Gegnern herauszuarbeiten. Ferner erlaubt es die Konzentration auf politische Tötungsdelikte, eine Gesamtliste aller relevanten Delikte ab 1924 bis 1933 zu erstellen. Diese Auflistung ermöglicht statistische und makrosoziologische Untersuchungen zur politischen Gewalt in der Weimarer Republik, wodurch das betreffende Forschungsfeld auf eine neue Grundlage gestellt wird, da bislang nur unvollständige, zeitgenössische Statistiken vorliegen.

Gegliedert ist die Dissertation in sechs chronologisch aufeinanderfolgende Teile, die wiederum in thematische Unterkapitel unterteilt sind, worin jeweils bestimmte Aktivitäten oder das Verhältnis des Reichsbanners zu den verschiedenen Sicherheitsorganen, Parteien und Verbänden untersucht wird. Einleitend wird im 1. Teil versucht, mit gängigen Fehlurteilen aufzuräumen, die bislang einer tieferen Beschäftigung mit dem Reichsbanner im Wege standen, obwohl Reichsbannermänner vielfältige Beiträge zur Wiedererrichtung der Demokratie nach 1945 leisteten, wie im 6. Teil bilanzierend gezeigt wird.

In der Nachkriegszeit galt es als gesichertes Wissen, dass das Reichsbanner als bloßes Anhängsel der SPD zu betrachten sei, wohingegen im 2. Teil dargelegt wird, dass bereits ab 1919 im Republikanischen Führerbund eine überparteiliche Sammlung von sozialdemokratischen und bürgerlichen Sicherheitskräften erfolgte, wobei eine direkte Linie zum späteren Reichsbanner gezogen werden kann. Zu dieser Vorgeschichte gehört auch der Republikanische Reichsbund, welcher ebenfalls auf einer überparteilichen Grundlinie, aber mit rein zivilen Mitteln dieselben Ziele wie das Reichsbanner verfolgte. Die Wirkung des Reichsbundes, der nicht mit dem Reichsbanner fusionierte, aber eng mit diesem zusammenarbeitete, wird in den folgenden Teilen ebenfalls berücksichtigt.

Die Teile 3. bis 5. behandeln die eigentliche Geschichte des Reichsbanners, wobei eine Periodisierung in folgende Abschnitte gewählt wurde. In den Jahren 1924 bis 1928 etablierte sich das Reichsbanner als außerparlamentarisches Gegengewicht zu den wechselnden Kabinetten des Bürgerblockes und mobilisierte insbesondere im Flaggenstreit, der Volksabstimmung zur Fürstenenteignung, aber auch der Reichspräsidentenwahl von 1925 reichsweit eine beeindruckende Massenbasis. Diese Mobilisierungserfolge trugen maßgeblich zum Stimmengewinn für die SPD in der Reichstagswahl von 1928 bei, die anders als DDP und Zentrum nicht durch eine Regierungsbeteiligung belastet war. In der folgenden Phase der Großen Koalition verlagerte das Reichsbanner seine Stoßrichtung auf die systemfeindlichen Kräfte insbesondere in der NSDAP, wobei man im neuen Reichsinnenminister Carl Severing ein wichtige Stütze fand. Auch mit dem Kabinett Heinrich Brünings wurde eine dementsprechende Zusammenarbeit gesucht, was sich freilich schwieriger gestaltete. Aber dennoch wurden die vorhandenen Kontakte zu Reichswehrminister Wilhelm Groener ausgebaut. Jegliche Ansätze in dieser Hinsicht wurden aber mit dessen Absetzung und dem Regierungsantritt Franz von Papens zunichte gemacht. In der nun folgenden letzten Phase der Verbandsgeschichte versuchte das Reichsbanner, vorwiegend über informelle Kanäle Einfluss auf die Reichswehrführung unter Kurt von Schleicher zu nehmen. Hiermit sollte ebenfalls eine entschiedene Bekämpfung der NSDAP erreicht werden. Auch wenn diese Bemühungen letztlich fehlschlugen, war das Verhältnis der damaligen Reichsbannerführung zu Schleicher erstaunlich gut. Dessen durch Paul von Hindenburg erzwungene Abdankung beendete dann aber jede Hoffnung auf eine mögliche Kooperation in Form einer Reichsbanner-Hilfspolizei und war der Startschuss zur Vernichtung des Reichsbanners durch die neuen Machthaber, die im Gegenzug auf die stattdessen aufgebaute SA-Hilfspolizei bauen konnten.

Zusammenfassend gesagt lassen sich anhand des Reichsbanners die Chancen und Leistungen der Weimarer Republik auf dem Feld der Militär- und Gewaltgeschichte neu bewerten, während solche Chancen bislang nur in anderen geschichtswissenschaftlichen Teilbereichen wie Kultur- oder Rechtsgeschichte ausgemacht wurden.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Sebastian Elsbach, Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Republikschutz und politische Gewalt in der Weimarer Republik (Dissertation), in: Portal Militärgeschichte, 19. November 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/elsbach_reichsbanner. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

Archiv

Besucher

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer