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Stand der Militärgeschichte

Interview mit Stig Förster (Bern)
Von: 
Stig Förster
Prof. Dr. Stig Förster

Zum Start des Portals lassen eine Reihe prominenter Vertreter des Fachs die Entwicklung der Militärgeschichtsschreibung im deutschsprachigen Raum Revue passieren und wagen den Ausblick in die Zukunft. Den Auftakt dieser Interviewfolge macht Prof. Dr. Stig Förster, Ordinarius für Neueste allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern und Erster Vorsitzender des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V.

Wie hat sich die deutschsprachige Militärgeschichtsschreibung in den vergangenen 25 Jahren entwickelt?

Im Prinzip ist ein positiver Trend erkennbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die Militärgeschichte in Westdeutschland und in Österreich lange Zeit ein Schattendasein. Das war eine durchaus verständliche Reaktion auf die Zeit des Nationalsozialismus und die bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten geradezu militaristische Umgangsweise mit diesem Sujet. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA), damals in Freiburg i. Br., heute in Potsdam, legte immerhin Grundsteine für eine moderne Militärgeschichte. Doch wurden die Forschungsleistungen dieser Institution von der allgemeinen Geschichtswissenschaft allzu lange so ziemlich ignoriert. Das war umso merkwürdiger, als die neue, sozialhistorisch orientierte Geschichtswissenschaft seit den 1960er und erst recht seit den 1970er Jahren den fatalen Einfluss „des Militärs" auf zentrale Entwicklungen der deutschen Politik seit dem Kaiserreich immer wieder thematisierte. Aber eine intensive Auseinandersetzung mit Militärgeschichte fand so gut wie gar nicht statt. In Österreich wurde Militärgeschichte gar fast völlig marginalisiert. In der DDR entwickelte sich eine gewisse Nische für Militärgeschichte, wobei durchaus bemerkenswerte Forschungsergebnisse hervorgebracht wurden. Doch die offizielle Parteilinie schränkte die Möglichkeiten der DDR-Historiker entscheidend ein. Gleichwohl sollten die Leistungen von Militärhistorikern aus der DDR nicht völlig in Vergessenheit geraten.

Mit der Gründung des AKM entstand für Militärgeschichte ein neues Forum, das vor allem den jungen Leuten, die in diesem Bereich arbeiten, einen Rahmen für den wissenschaftlichen Austausch bieten sollte. Seitens des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes wurde der AKM zunächst als Konkurrenzveranstaltung wahrgenommen. Doch schon bald wurde deutlich, dass sich diese beiden Einrichtungen sehr gut ergänzen. Und tatsächlich: gemeinsam war man stärker. Hinzu kam der Umstand, dass an deutschen Universitäten eine gewisse Öffnung für Themen der Militärgeschichte erkennbar wurde. In Tübingen, Düsseldorf und anderswo wurden junge Leute mit militärhistorischen Themen promoviert und sogar habilitiert. Dieser Prozess dauert noch an. Es wird interessant sein zu beobachten, ob er weiter anhält oder vielleicht doch versandet. Ich glaube allerdings nicht, dass die Militärgeschichte wieder gänzlich an den Rand gedrängt wird. Dafür haben doch zu viele Allgemeinhistoriker und -historikerinnen entdeckt, welche methodischen Möglichkeiten und welches Erkenntnispotential diese Fachrichtung bietet. Die Schaffung eines Lehrstuhls für Militärgeschichte an der Universität Potsdam ist sicherlich hilfreich. Doch braucht es noch mehr Initiativen in diesem Bereich, und es ist noch nicht so ganz sicher, dass der Lehrstuhl in Potsdam erhalten bleibt.

Auffällig ist zudem, dass Militärgeschichte in der breiten Öffentlichkeit in den letzten Jahren auf wachsendes Interesse stößt, während allerdings gleichzeitig das Interesse an Geschichte generell abzunehmen scheint. Die Berichterstattung in den Medien und die Verkaufszahlen einschlägiger Publikationen sprechen da eine deutliche Sprache. Dabei ist erkennbar, dass das Qualitätsniveau der konsumierten Publikationen und Sendungen sich gegenüber früheren Jahren eher verbessert hat. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass Militärgeschichte an vielen deutschen Universitäten, auf historisch orientierten Internetportalen und auch im Historikerverband immer noch eine Randexistenz führt. Die Karriereaussichten für Militärhistoriker/Innen im universitären Bereich sind nach wie vor eher bescheiden.

In Österreich ist die Militärgeschichte in zweifacher Hinsicht zu neuer Blüte gelangt. Einerseits gibt es nun intensive Bemühungen, das Defizit an Forschungen zur österreichischen Militärgeschichte zu schließen. Im Zuge dieser Entwicklung sind einige sehr interessante Arbeiten entstanden. Fast noch eindrücklicher ist die Tatsache, dass nunmehr eine neue Forschungsrichtung existiert, die sich aus sozialhistorischer, kulturhistorischer und genderhistorischer Sicht intensiv dem Thema Militärgeschichte widmet. Gerade aus Österreich kommen daher viele neue Anregungen.

Nicht ganz so erfreulich ist die Entwicklung in der Schweiz. Hier hat es wegen des Zweiten Weltkrieges nie einen wirklichen Bruch mit den Traditionen der Militärgeschichte gegeben. Stattdessen ist der Einfluss rechtskonservativer Kreise, die unter Militärgeschichte immer noch die provinzielle Selbstbeweihräucherung verstehen, ungebrochen. Der Einfluss eines engstirnigen Militärs auf die existierenden einschlägigen Forschungs- und Lehreinrichtungen zeitigt nach wie vor problematische Konsequenzen. An den Universitäten besteht zwar durchaus Interesse an einer modernen Militärgeschichte, doch es fehlen die Partner aus dem militärischen Bereich. Zudem wenden sich weite Teile der Universitätslandschaft nach wie vor strikt von der Militärgeschichte ab, da die vorhandenen Strukturen Antipathien hervorrufen. Dabei gibt es im Nachwuchsbereich durchaus glänzende Forschung, welche den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Doch, dass eine junge Schweizerin den renommierten Werner-Hahlweg-Preis gewonnen hat, interessiert in diesem Land kaum jemanden. Entsprechend problematisch gestalten sich die Berufsaussichten für junge Fachleute in der Schweiz.

Wo steht die deutschsprachige Militärgeschichtsschreibung heute im Vergleich zum Ausland?

Da stellt sich natürlich zunächst die Frage, was mit „Ausland" gemeint ist. In vielen Ländern ist Militärgeschichte entweder überhaupt nicht existent oder agiert in ausgesprochen altmodischen Bahnen. Auffällig sind allerdings sehr fortschrittliche Studien in Norwegen und in manchen Bereichen Russlands. Auf der anderen Seite hinken viele südeuropäische Länder hinterher. In Spanien etwa ist eine moderne Militärgeschichte nur in wenigen Ansätzen erkennbar. So bleiben denn die angelsächsischen Länder, in denen Militärgeschichte eine ungebrochene Tradition hat und von wo seit den 1960er Jahren viele methodische Innovationsschübe kamen, nach wie vor der dominante Maßstab. Gegenüber diesen Ländern hat die deutschsprachige Militärgeschichtsforschung erheblich aufgeholt. Institutionen wie das Militärgeschichtliche Forschungsamt und auch der AKM werden von dort sogar mit einem gewissen Neid betrachtet. Wir brauchen uns also nicht zu verstecken.

Welche aktuellen, inhaltlichen oder methodischen Entwicklungstendenzen halten Sie für bedeutend?

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle ausführlich auf die methodische Entwicklung der modernen Militärgeschichte einzugehen. Aber generell ist doch der erfreuliche Umstand zu beobachten, dass Militärgeschichte eine enorme Bandbreite entwickelt hat. Politik, Gender, Sozialgeschichte, Technikgeschichte und Kulturgeschichte gehören längst zum Repertoire unserer Forschungsrichtung. Das hat die Militärgeschichte enorm bereichert und attraktiv für die Allgemeingeschichte gemacht. In den letzten Jahren ist auch die lang verpönte Operationsgeschichte wieder entdeckt worden. Das ist wichtig, denn sie stellt sozusagen die Grammatik dieses Genres dar. Zu wünschen wäre allerdings, dass nunmehr auch das so zentrale Thema Wirtschafsgeschichte mehr Aufmerksamkeit finden würde. Hier liegt noch ein Manko vor.

Wie hat sich die institutionelle Verankerung der Teildisziplin an den Universitäten entwickelt?

Dazu habe ich oben schon einiges gesagt. Generell spielt Militärgeschichte in den meisten deutschsprachigen Universitäten noch immer eine allzu untergeordnete Rolle. Aber wenn mich nicht alles täuscht, so ist doch in letzter Zeit ein wenig mehr Aufgeschlossenheit zu beobachten. Der beste Weg zur Stärkung der Militärgegeschichte besteht nach wie vor in herausragenden wissenschaftlichen Leistungen, die auch das Interesse anderer Teildisziplinen wecken. Entscheidend ist aber auch, dass mehr Personen mit militärgeschichtlichen Kenntnissen Professuren erhalten. Hier herrscht noch immer ein großes Defizit.

Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach wissenschaftliche Zusammenschlüsse wie der Arbeitskreis Historische Friedensforschung, der Arbeitskreis Militärgeschichte oder der Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit bei der Entwicklung der Teildisziplin gespielt?

Die genannten Arbeitskreise sind recht wichtig geworden. Sie bieten gerade auch jungen Leuten ein Forum. Das sollte auch ihre Hauptaufgabe bleiben. Als Diskussionsforen bieten sind Anregungen und Austauschbörsen für neue Forschungen, neue Ideen und neue methodische Ansätze. Dies kann man auf den Jahrestagungen und in den einschlägigen Publikationen immer wieder beobachten. Recht fruchtbar war auch die Zusammenarbeit zwischen den Arbeitskreisen. Vom Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit könnte auf diesem Gebiet allerdings etwas mehr kommen.

Welche Rolle haben Ihrer Meinung nach Einrichtungen der außeruniversitären Forschung wie das Institut für Zeitgeschichte, das Hamburger Institut für Sozialforschung oder das Militärgeschichtliche Forschungsamt bei der Entwicklung der Teildisziplin gespielt?

Das MGFA stand seit seiner Gründung an vorderster Front und hat trotz mitunter gravierenden Konflikten der Militärgeschichte nicht nur in Deutschland den Weg geebnet. Mit seinen großen institutionellen Möglichkeiten und seinem exzellenten Personal bleibt das Amt auch weiterhin Kernstück der deutschsprachigen Militär-geschichte. Das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) leistet ebenfalls wichtige Beiträge, obwohl seine Aufgaben über den Bereich der Militärgeschichte hinausgehen. Dieses Institut hat sich als wichtiger Partner für andere Institutionen erwiesen, welche die Militärgeschichte voran bringen möchten. Das Insti-tut für Zeitgeschichte in München hat demgegenüber bislang eine eher bescheidene Rolle in diesem Kontext gespielt. Aber das kann sich ja ändern.

Besonders erfreulich war in den letzten Jahren die immer intensivere Zusammenarbeit zwischen dem MGFA und dem HIS auf der einen Seite und den AKM auf der anderen. Gemeinsam wurden Tagungen organisiert und der persönliche Austausch gefördert. Dabei wurden alte Reibereien und Vorurteile überwunden, was dem gemeinsamen Anliegen nur förderlich ist.

Wie gestaltet sich das Verhältnis von akademischer Geschichtsschreibung und medialer Beschäftigung mit Themen der Militärgeschichte?

Das ist ein weites Feld, auf das ich oben schon kurz eingegangen bin. Im Bereich Militärgeschichte gibt es natürlich immer noch Zonen der Unseriosität. Kriegsspielerei, sowie militaristisches bis hin zu rechtslastigem Gedankengut prägen leider den missbräuchlichen Umgang mit Militärgeschichte. Auf der anderen Seite fällt auf, dass seriöse Militärgeschichte durchaus ihren Platz in der Medienlandschaft gefunden hat. Dieser Entwicklung steht allerdings der bedauerliche Trend gegenüber, demzufolge das mediale Interesse an Geschichte generell eher abnimmt. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren dem breiten Publikum allzu oft unverständliche und unverdauliche Kost verabreicht hat. Die Geschichtswissenschaft muss aufpassen, sich nicht selbst in ein für Außenstehende verschlossenes intellektuelles Ghetto zurückzuziehen. Interessant finde ich, dass gerade die Filmindustrie in den letzten Jahren eine professionellere und durchaus kritische Zugangsweise zur Militärgeschichte gefunden hat, die offenbar stark von der einschlägigen Forschung beeinflusst wird. Spielbergs „Saving Private Ryan" oder Serien wie „Band of Brothers" und auch „Rome" liefern hierfür gute Beispiele.

Welcher Autor bzw. welches wissenschaftliche Werk hat Sie persönlich nachhaltig beeinflusst?

Da gäbe es viele Bücher, die ich erwähnen müsste. Doch ich will es bei denjenigen belassen, die mich vor allem am Anfang meiner Beschäftigung mit Militärgeschichte stark beeindruckt haben. Da waren vor allem die Schriften von Carl von Clausewitz - nicht nur „Vom Kriege". Methodisch war für mich von großer Wichtigkeit: Geoffrey Bests „War and Society in Revolutionary Europe". Aber auch Michael Howards „The Franco-Prussian War" und James M. McPhersons „Battle Cry of Freedom" haben mich fasziniert. Diese beiden letztgenannten Bücher haben mich zu der von mir und anderen organisierten Serie über die Geschichte des totalen Krieges inspiriert.

Welches Buch müsste längst einmal geschrieben werden?

Wo soll ich da anfangen? Mir fiele eine Menge dazu ein, etwa eine Biographie über Alfred Graf Waldersee oder über Wilhelm I. Generell fände ich es besonders wichtig, wenn mehr Bücher über den Zusammenhang von Krieg und Wirtschaft geschrieben würden. Als gutes Beispiel möchte ich Adam Toozes „The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy" erwähnen.

 

Christoph Nübel

Zitierempfehlung

Stig Förster, Stand der Militärgeschichte. Interview mit Stig Förster (Bern), in: Portal Militärgeschichte, 21. September 2012, URL: http://portal-militaergeschichte.de/foerster_interview. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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