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Genealogy of mercenarism

An analysis of changing perceptions towards “fighters who work for pay” (Dissertation)
Von: 
Malte Riemann

Seit der Französischen Revolution hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass eine wahre liberale Demokratie (Republik) Bürger-Soldaten braucht, welche die Souveränität des Staates und auch ihre Bürgerrechte verteidigen. Auch professionelle, aber nationalstaatlich kontrollierte Streitkräfte folgten diesem Ansatz. Anfang des 19. Jahrhunderts führte der aufkommende ethnische Nationalismus diesem Gedankengang eine neue Dimension zu. Aufgrund der wachsenden Nationalisierung der Politik wurde eine Debatte angestoßen, welche davon ausging, dass keine Person für ein Land kämpfen solle, dessen Nationalität es nicht besaß. Dies schloss Söldner vom Militärdienst aus, da diese jetzt definitionsgemäß „ausländische“ und somit irreguläre Kombattanten darstellten.

200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille scheinen Söldner mit dem Ende des Kalten Krieges wieder eindrucksvoll auf die Schlachtfelder der Welt, in Form von privaten Militärfirmen (PMCs), zurückzukehren. Diese „angenommene“ Rückkehr des Söldners hat in den letzen Jahren eine Vielzahl von Publikationen hervorgebracht, welche unterschiedlichste Problematiken dieses Phänomens analysieren. Hierbei werden oftmals historische Vergleiche angestellt, welche jedoch ein gegenwärtiges Söldnerverständnis auf historische Söldnerphänomene applizieren und so PMCs als logische Fortsetzung dieser „Kriegerspezies“ verstehen. Dies führt jedoch an der Realität vorbei, da das Verständnis vom Söldner historischen Veränderungen unterworfen ist, weshalb sich ein kontemporäres Verständnis des Söldners nicht in die Geschichte „zurücklesen“ lässt.

Das gegenwärtige Verständnis stößt jedoch schon oberhalb der Akteursebene auf Irregularitäten, da es auf Ideen des Nationalismus und der „angenommenen“ Verstaatlichung des Gewaltmonopols basiert, welche aber an den Gegebenheiten der Ära des prä-modernen Staates scheitern. Hier setzt dieses Forschungsprojekt an, indem es das Verständnis des Söldners in seiner ihm eigenen Zeitgeschichte analysiert. Hauptziel dieser Arbeit ist es, zu analysieren, wie sich Söldnerverständnisse in verschiedenen Epochen darstellten, welche Eigenschaften und Verständnisse sich veränderten oder von späteren Generationen übernommen wurden und welche Auswirkungen dies auf den vergangenen wie gegenwärtigen Diskurs hat. Hierbei wird das Söldnerverständnis anhand von politischen, soziokulturellen sowie strategischen Gesichtspunkten untersucht und in Abgrenzung zu seinen Gegenmodellen, der Miliz und dem Bürger-Soldaten, gesehen um so auch den Wandel der Verständnisform dieser Konzepte aufzuzeigen. Um Veränderungen des Söldnerbegriffes zu erklären, wird der Begriff zunächst dekonstruiert, um den Söldner so in seiner universalhistorischen Gesamtheit zu erfassen.

Die Dekonstruktion des Söldnerbegriffs ermöglicht es dieser Studie, den Söldner als das universalhistorische Phänomen, welches sich historisch in einem breiten Facettenreichtum zeigt, zu begreifen. Hierdurch wird somit auch ein Vergleich zu kontemporären „Söldnern“ möglich, jedoch eher im Hinblick auf „Söldner“, welche nicht mehr als solche wahrgenommen werden, (z. B. die Gurkha-Brigade) um so die Veränderung des Söldnerbegriffes und dessen Verständnisses aufzuzeigen. Hieran anschließend wird, durch eine auf der von Friedrich Nietzsche und Michel Foucault basierenden Methodik der Genealogie, nicht der Genese des Söldnertums nachgegangen, sondern es werden vielmehr Fragen hinsichtlich der Fremdwahrnehmung und des Verständnisses des Söldners in unterschiedlichen Geschichtsepochen dargestellt. Somit soll eine Genealogie weniger Kontinuität im Sinne von Homogenität in den Vordergrund stellen, sondern Diskontinuitäten innerhalb historischer Prozesse untersuchen. Anstatt der Stringenz einer gradlinigen, im Anfang bereits das Ziel ankündigenden Form, steht die Wandlung des Söldnerbegriffs im Fokus dieser Arbeit. Während der Ausgangspunkt dieser Studie die Gegenwart ist, so wird der Beginn eines Söldnerdiskurses im Griechenland des Zeitalters der Stadtstaaten verortet. Hauptindiz für diese Annahme ist die Feststellung des Aufkommens neuer Wortschöpfungen um das Phänomen des Söldners und dessen Problematisierung erfassbar zu machen. Nachfolgend wird dieser im antiken Griechenland beginnende Diskurs durch die Geschichte bis hin zur Gegenwart analysiert. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der in der Renaissance einsetzenden Antikenrezeption. Hier sei vor allem auf die Werke Machiavellis hingewiesen, auf die auch im heutigen Diskurs vielfach zurückgegriffen wird, ohne dabei jedoch Machiavellis Söldnerverständnis zu hinterfragen.

Die Quellenbasis dieses Forschungsprojektes ist breit gefächert und bezieht sowohl historische und gegenwärtige Gesetzestexte als auch philosophische Denkschriften und Flugschriften mit ein. Des Weiteren sollen auch Bilddokumente sowie Liedern, Gedichte und Prosa der jeweiligen Epochen analysiert werden. Diese breite Quellenlage ermöglicht es, die sich verändernde Fremdwahrnehmung des Söldners adäquat zu erfassen, da so die Einflüsse und der kulturelle Hintergrund des sich verändernden Diskurses dargestellt werden können. Die Dissertation wird an der University of Reading erstellt und von Prof. Dr. Beatrice Heuser sowie Dr. Frank Tallett betreut und in Teilen durch Mittel des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sowie der Earhart Foundation finanziert.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Malte Riemann, Genealogy of mercenarism. An analysis of changing perceptions towards “fighters who work for pay” (Dissertation), in: Portal Militärgeschichte, 17. September 2012, URL: http://portal-militaergeschichte.de/genealogyofmercenarism. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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