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Napoleonische Bilderhandschriften als heereskundliche Quellen

Eine Editionsserie
Von: 
Andreas R. Hofmann
Landecker Bilderhandschrift

Neuzeitliche Bilderhandschriften zu militärischen Gegenständen sind eine eigentümliche heeres- und uniformkundliche Quellengattung. Sie erfreuen sich eines hohen Bekannt- und Beliebtheitsgrades bei Militaria- und Zinnfigurensammlern, während sie in der professionellen Militärgeschichte vorerst noch nicht recht angekommen zu sein scheinen. Bezeichnenderweise sind Anstrengungen, diese archivalischen Unikate in Editionen der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, bislang fast durchweg abseits des akademischen Betriebs von Amateurhistorikern unternommen worden.

Ein solcher – im besten Sinne des Wortes – Amateur ist Thomas Hemmann, der seit 2010 eine inzwischen auf sieben Bände angewachsene Serie von „Bilderhandschriften und Druckserien der Napoleonischen Kriege“ veröffentlicht hat.[1] Glücklicherweise ist der Amateurstatus im historischen Metier nicht notwendig gleichbedeutend mit geringem wissenschaftlichen Wert. Vielmehr gilt für die hier anzuzeigenden Bände, dass sie überhaupt erstmals für diese Quellengattung editorische Standards setzen dürften, hinter die auch zukünftige akademische Editionsprojekte, sollten sie je durchgeführt werden, nicht zurückfallen können.

Das Schattendasein der Bilderhandschriften erklärt sich vermutlich nicht zuletzt daraus, dass sie Kunsthistorikern ästhetisch-künstlerisch nachrangig und Historikern als Quellen schwer fassbar erscheinen. Der von cultural und visual turns angeleitete historische Diskurs ist jedoch längst auch bei der Militärgeschichte angelangt, so dass sie prägnante Bildquellen wie diese nicht einfach ignorieren sollte. Gerade die Napoleonischen Kriege mit ihren in Europa zuvor unerhörten Massenheeren, Durchmärschen und Einquartierungen brachten ein von lebensgeschichtlichen Zwangslagen, aber auch Faszination verursachtes Interesse für das Militär, besonders für die fremdländischen Soldaten hervor, das u.a. in der Entstehung der Bilderhandschriften seinen Ausdruck fand. Deshalb ist die Tatsache, dass damals an zahlreichen Orten Laienkünstler das Bedürfnis verspürten, die mit eigenen Augen gesehenen Truppen im Bild zu dokumentieren, an und für sich bereits ein sozial- und kulturhistorischer Befund, der nähere Aufmerksamkeit verdient.

Von den Bilderhandschriften sind graphische Serien (oft handkolorierte Radierungen oder Stiche) zu unterscheiden, die von professionellen Künstlern unter eigenem Namen für den kommerziellen Vertrieb angefertigt wurden. Die Autoren (und Autorinnen?) der Bilderhandschriften sind dagegen in vielen Fällen anonym, in anderen ist die Autorenschaft unsicher oder strittig. Eine von wenigen Ausnahmen bildet die Samuel Hahlo zugeordnete Handschrift, deren 30 Blätter mit 56 Soldatentypen 1807/08 entstanden und in der Universitätsbibliothek Kassel aufbewahrt werden. Lebensgeschichtlich wissen wir nur wenig über Hahlo. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammte er aus Hannoversch Münden und war jüdischer Herkunft, diente als Kanonier oder Unteroffizier in der Artillerie des Königreiches Westphalen und nahm 1812 am Feldzug der Grande Armée nach Russland teil, von dem er vielleicht nicht zurückkehrte. Die Bilderhandschrift ist sein einziges überliefertes Selbstzeugnis. Hahlo dürfte einer der ersten Juden gewesen sein, die überhaupt in einer deutschen Armee Dienst taten, ob als Konskribierter oder Freiwilliger, ist nicht bekannt; die Voraussetzung dafür hatte die in der westphälischen Verfassung verankerte Judenemanzipation geschaffen.

Anhand des Bandes zu Hahlos Bilderserie lassen sich exemplarisch Hemmanns in der gesamten Edition angewandte Verfahrensweisen, der gleichbleibende Aufbau der Einzelbände und einige der besonderen quellenkritischen Probleme der Handschriften zeigen. Auf einen kurzen Vorspann, der den kriegs- und allgemeingeschichtlichen Zusammenhang der Bilderhandschrift skizziert, wird diese selbst, soweit bekannt, nach Entstehungszeit und -ort, (möglicher) Autorschaft, Überlieferungsgeschichte und Verbleib vorgestellt. Es folgen Angaben zu Format und graphischer Technik, zu ästhetischen und heereskundlichen Besonderheiten sowie zum uniformkundlichen Stellenwert, insbesondere im Verhältnis zu zeitgleichen Bilderserien, die dieselben Kontingente zeigen.

Im Mittelpunkt jedes Bandes steht die Reproduktion der Handschrift selbst, die in Format und Farbgebung möglichst dicht am Original bleibt. Dabei werden Zeichnung für Zeichnung die dargestellten Einheiten samt ihrer Organisations- und Feldzugsgeschichte sowie die eventuellen Besonderheiten der Darstellung unter Verweis auf weitere Quellen abgehandelt; sofern die Bilder beschriftet sind, werden gegebenenfalls Fehler der Zuordnung besprochen und möglichst die tatsächlich dargestellte Einheit identifiziert. Umfangreiche kriegs- und heereskundliche Verzeichnisse gedruckter Quellen und Literatur einschließlich einschlägiger Regimentsgeschichten, Auszüge aus den ordres de bataille der in der Handschrift dargestellten Truppenverbände und eine Tabelle, die von der Handschrift auf analoge Abbildungen in anderen zeitgenössischen Bilderserien verweist, runden die Bände ab.

Die Bilderhandschriften besitzen meist keine Begleitdokumentation; deshalb stellt sich stets die Frage nach Authentizität, Datierung und Provenienz. In einigen Fällen gibt es eine mündliche Überlieferung der privaten Vorbesitzer, von denen aus die Quelle in eine öffentliche Sammlung gelangte. Ansonsten bleibt nur die immanente Quellenkritik, gepaart mit aus der Kriegsgeschichte und der Heereskunde zu gewinnenden Anhaltspunkten. Im Falle von Hahlo wissen wir, dass sein Artillerieregiment in Kassel in Garnison lag, in dessen Nähe sich zwei wichtige Heerstraßen in ost-westlicher und nord-südlicher Richtung kreuzten. Die dargestellten Uniformen sind auf 1807/08 zu datieren; dies wird dadurch gestützt, dass im fraglichen Zeitraum die abgebildeten Einheiten eine der beiden Marschrouten benutzten, folglich also von einem an ihrem Kreuzungspunkt befindlichen Beobachter gesehen werden konnten. Weil die französisch- und deutschsprachigen Bildunterschriften teilweise völlig falsche Zuordnungen vornehmen, vermutet Hemmann, dass sie nicht von Hahlo selbst stammen, sondern nachträglich von anderer Hand eingetragen wurden.

Die Lüneburger Bilderhandschrift („Lüneburger Tagebuch“) ist unter den hier vorzustellenden Quellen insofern einzigartig, als die Bilder zusammen mit einem tagebuchartigen Text eingebunden waren, der an Datierung (1807/08) und Ort der Zeichnungen keinen Zweifel lässt. Das Original besaß mit etwa 3 cm x 5 cm Miniaturformat und befand sich ursprünglich im Nachlass des hannoverschen Militärmalers Adolf Northern (1828-1876). Sein letzter Besitzer war der Uniformkundler Herbert Knötel (1893-1963), in dessen Berliner Wohnung es bei Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen Artillerietreffer zerstört wurde. Knötel hatte jedoch von Hand drei sorgfältige, vergrößernde Kopien der Handschrift angefertigt; eine davon, die sich heute in französischem Privatbesitz befindet, diente Hemmanns Reproduktion als Vorlage. Der leider nicht mit abgedruckte und offenbar von Knötel nur in Ausschnitten überlieferte Tagebuchtext erwähnt neben den Truppendurchmärschen häufig Lüneburger Spitäler und Ärzte; möglicherweise war der Autor also selbst Mediziner. Auf den 59 Seiten des Originals waren 29 Zeichnungen, die einige der damals durch Lüneburg ziehenden französischen, spanischen und niederländischen Kontingente darstellten. Abweichend von den übrigen Bänden der Edition, erläutert Hemmann die Darstellungen nicht nur, sondern stellt ihnen auch jeweils direkt eine Vergleichsabbildung aus verschiedenen anderen zeitgenössischen Bilderserien gegenüber.

Die Meißner Bilderhandschrift gelangte 1975 aus dem Nachlass des Kunsthistorikers Walter Hentschel (1899-1970) in das Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Gebunden in zwei Bücher, stellt sie auf insgesamt 84 Zeichnungen Angehörige von Kontingenten dar, die zwischen 1809 und 1814 durch die nordwestlich von Dresden gelegene Elbstadt oder ihre nähere Umgebung zogen. Da die Bilder des zweiten Buches zeichnerisch versierter sind, hält Hemmann es für möglich, dass die Handschrift entweder von zwei verschiedenen Künstlern oder einem in der Entwicklung befindlichen Jugendlichen stammt. Aufgrund unterschiedlicher Indizien u.a. in den Bildunterschriften vermutet Hemmann entweder Carl Wilhelm Vieth aus Golßenau (1771-1848) oder eine Person aus seiner näheren Umgebung, möglicherweise einen Sohn, als Autor der Handschrift. Vieth war in der bewussten Zeit Adjutant des Geleitsmannes von Meißen, d.h. eines von der Stadt zur Organisation der Truppendurchmärsche und Einquartierungen bestellten Beamten, befand sich also an privilegierter Stelle, um die dargestellten Soldaten zu beobachten. Eine Besonderheit dieser Handschrift ist, dass oft Ort und Datum eingetragen sind, in einigen Fällen sogar Name und Herkunftsort des dargestellten Soldaten, was auf unmittelbare Begegnungen und Gespräche mit den Dargestellten schließen lässt.

Die nächste hier vorzustellende Bilderhandschrift entstand während des Waffenstillstands von 1813 in dem kleinen niederschlesischen Kurstädtchen Landeck (heute poln. Lądek-Zdrój) unweit der preußischen Festung Glatz. Sie befindet sich jetzt in der Lipperheidischen Kostümbibliothek der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Auf vierzehn Blättern sind überwiegend Angehörige der preußischen und der russischen Armee in Gruppen zu fünf bis sieben Figuren dargestellt, insgesamt 76 Soldaten sowie ein preußischer Kammerherr als einziger Zivilist. Einige der dargestellten Militärs sind namentlich gekennzeichnet, nämlich der britische Verbindungsoffizier General Sir Robert Wilson, der Herzog von Cumberland und der Kosakenhetman Platov, deren Anwesenheit in Landeck durch die im Anhang des Bandes im Auszug abgedruckte Kurgästeliste des Ortes bestätigt wird.

Die 28 Tafeln der Dömitzer Handschrift befinden sich in der bekannten uniformkundlichen Anne S. K. Brown Collection der Brown University in Providence, USA. Wiederum einer mündlichen Überlieferung nach war ihr Autor der jugendliche Sohn des Kommandanten der mecklenburgischen Festung Dömitz, der die fast ausschließlich dargestellten Offiziere 1813 womöglich als Gäste, Kuriere oder Einquartierte im Hause seines Vaters zu Gesicht bekam. Diese Tradition wird erneut durch die immanente Quellenkritik gestützt: Alle abgebildeten Typen stammen aus dem zur Nordarmee der Verbündeten gehörigen, aus russischen, preußischen, schwedischen, mecklenburgischen und hanseatischen Truppen zusammengesetzten Korps Wallmoden, das im September 1813 auf einer Kriegsbrücke bei Dömitz die Elbe überschritt. Die Datierung wird darüber hinaus durch einige uniformliche Details der Darstellung bestätigt.

Der heeres- und uniformkundliche Wert der Bilderhandschriften ist unstreitig. Sie zeigen von Augenzeugen festgehaltene, tatsächlich während der Feldzüge getragene Bekleidungen und Ausrüstungen, die häufig in bemerkenswerter Weise von den Normen abweichen und weit von Pomp und Pracht der zeitgenössischen Militärparaden entfernt sind. Besonders für die Jahre 1813/14, in denen zahlreiche neue Einheiten aus dem Boden gestampft wurden und oft mit dem ausgestattet werden mussten, was gerade zur Hand war, dokumentieren sie feldmäßige Improvisationen und individuelle Bekleidungen jenseits aller Vorschriften. Sie ergänzen damit hervorragend die wenigen erhaltenen Artefakte und die in den Schriftquellen oft nur zufällig und verstreut gegebenen Hinweise. In einigen Fällen liefern sie überhaupt den einzigen bildlichen Nachweis für ein bestimmtes Kontingent (z.B. Gendarmerie der Hessischen Legion, Hahlo Nr. 8, S. 42f.), oder sie ergänzen die Schriftquellen dadurch, dass sie die Präsenz einer Einheit an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt in umstrittenen Fällen belegen.

Gegenüber den oft in Heimarbeit und nicht von den Künstlern selbst vorgenommenen Kolorationen der professionellen Bilderserien besitzen die Laienzeichnungen manchmal den Vorzug der zuverlässigeren Farbgebung. Andererseits sind selbstverständlich auch bei ihnen Beobachtungs- und Gedächtnisfehler sowie Nachdunkelung oder Degeneration der Aquarellfarben (häufig Grün zu Blau) in Rechnung zu stellen, welche die Beurteilung der dargestellten Details und die Identifizierung der Einheiten erschweren.

Überhaupt erfordert die richtige Einschätzung der Darstellungen ein hohes Maß an uniform- und kostümkundlicher Kompetenz. Z.B. müssen die Idiosynkrasien eines Autors wie seine Eigenarten in Perspektive und Anatomie oder systematische Fehler bei der Wiedergabe von Details erkannt werden, um richtige Rückschlüsse auf die Realia zu ziehen. Nicht immer ist zwischen einem Darstellungsfehler und einer tatsächlich möglichen Regelabweichung zu unterscheiden. Ganz wie Schriftquellen müssen also auch die Bilderhandschriften fachgerecht interpretiert werden. Hemmanns Editionsreihe liefert uns viele wertvolle Anhaltspunkte, die sich auf eine Anleitung zur Kritik dieser Quellengattung zubewegen.

Der eigentliche kultur- und militärhistorische Quellenwert der Bilderhandschriften ist vielleicht noch andernorts zu finden. Gerade die laienhaften Darstellungen, oft naiv und linkisch gezeichnet, berühren durch die Authentizität ihrer Augenzeugenschaft und rufen uns ins Bewusstsein, dass auch im vorphotographischen Zeitalter Kriege von Menschen geführt, erlebt und erlitten wurden.

 

[1] Die an dieser Stelle nicht berücksichtigten beiden Bände sind vom Rezensenten an anderer Stelle besprochen worden: Thomas Hemmann: Der Krieg in Sachsen 1809 dargestellt von Geißler und Sauerweid, Norderstedt: Books on Demand 2011 (Bilderhandschriften und Druckserien der Napoleonischen Kriege, Bd. 5), dazu meine Rezension in: Waffen� und Kostümkunde (im Druck); Thomas Hemmann, Markus Gärtner: Die Dresdner Bilderhandschrift aus den Jahren 1812 und 1813 in der Nachzeichnung von Edmund Wagner, Norderstedt: Books on Demand 2012 (Bilderhandschriften und Druckserien der Napoleonischen Kriege, Bd. 6), meine Besprechung in: Militärgeschichtliche Zeitschrift (im Druck). Serienbezeichnung und Bandzählung wurden erst ab Band 5 der Serie hinzugefügt. Zum Autor auch dessen Website, URL: http://napoleonzeit.de/ (12.09.2014).

Thomas Hemman: Die Bilderhandschrift des Samuel Hahlo aus den Jahren 1807-1808. Norderstedt: Books on Demand 2010. ISBN 978-3-8391-9096-8; 136 S., 32 Abbildungen; € 25,90.

Thomas Hemmann: Die Dömitzer Bilderhandschrift aus dem Jahr 1813. Norderstedt: Books on Demand 2010. ISBN 978-3-8391-6669-7; 108 S., 35 Abbildungen; € 23,90.

Thomas Hemmann: Die Landecker Bilderhandschrift aus dem Jahr 1813. Norderstedt: Books on Demand 2011. ISBN 978-3-8423-3846-3; 144 S., 20 Abbildungen; € 44,90.

Thomas Hemmann: Die Lüneburger Bilderhandschrift aus den Jahren 1807-1808 in der Nachzeichnung von Herbert Knötel. Norderstedt: Books on Demand 2011. ISBN 978-3-8391-7111-0; 174 S., 61 Abbildungen; € 39,90.

Thomas Hemmann: Die Meißner Bilderhandschrift aus den Jahren 1809-1814. Norderstedt: Books on Demand 2013 (Bilderhandschriften und Druckserien der Napoleonischen Kriege, Band 7). ISBN 978-3-7322-3624-4; 227 S., 99 Abbildungen; € 89,90.

Meißner Bilderhandschrift mit einer Darstellung französischer Versprengter in abgerissenen Uniformen, Blatt II.19a, 21. August 1813 (Hemmann, S. 162)
Cover Meißner Bilderhandschrift
Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Andreas R. Hofmann, Napoleonische Bilderhandschriften als heereskundliche Quellen . Eine Editionsserie, in: Portal Militärgeschichte, 13. Oktober 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/hofmann_zu_hemmann_bilderhandschriften. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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