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Eine Nachlese zur Ausstellung „100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte 1915-2015“ in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart

Von: 
Winfried Mönch
DOI: 
akm.29.08.2016
Plakat zur Ausstellung 100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte

 

2015 war ein Jahr der Jubiläen für die Württembergische Landesbibliothek (WLB) in Stuttgart. Sie konnte selbst ihr 250-jähriges Bestehen feiern. Der wechselvollen Geschichte der Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ), die 2000 in der WBL aufging, gedachte man posthum mit einer Ausstellung zum Hundertsten. Diese dauerte von Mitte November 2015 bis Ende März 2016.

 

Die BfZ geht auf eine während des Ersten Weltkrieges 1915 in Berlin gegründete und 1920 nach Stuttgart übersiedelte Kriegssammlung zurück, die ein württembergischer Unternehmer, Richard Franck, als Weltkriegsbücherei ins Leben gerufen hat.[1] Es entstanden damals zahlreiche derartige Sammlungen im Deutschen Reich. Es sollten Erinnerungsstücke als Quellen für eine zukünftige Kulturgeschichte des Krieges bewahrt werden. Die BfZ setzte ihre Sammlungstätigkeit aber auch nach dem verlorenen Krieg und der Revolution 1918/19 fort, indem sie ihr eigentliches Interessengebiet Erster Weltkrieg dahingehend historisierte, dass sie ihr Sammelgebiet nun auch auf die zeitgenössische historiographische Literatur zur Geschichte des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen ausdehnte. Dieser erweiterte Fokus der Weltkriegsbücherei war der Kristallisationspunkt, um den herum sich Literatur zur Militärgeschichte und zur Geschichte der (gewaltsamen) internationalen Beziehungen mühelos anlagern ließ. In der Zwischenkriegszeit sah man sich als „Frontkämpfer“ gegen die „Kriegsschuldlüge“. Bei dieser ideologischen Disposition war es nicht weiter verwunderlich, dass sich die Weltkriegsbücherei dann nahtlos der nationalsozialistischen Ideologie öffnete und diese propagierte. Sitz der Bibliothek war das ehemalige königliche Schloss Rosenstein, das 1920 von der württembergischen Regierung der Bibliothek zur Nutzung übergeben wurde. 1933 erfolgte dort auch die Eröffnung eines eigenen Weltkriegsmuseums. Später übernahm Hitlers Stellvertreter und dann der Reichstatthalter von Württemberg die Schirmherrschaft über die Weltkriegsbücherei. Das Museum ging vollständig und die Bestände der Bibliothek gingen teilweise im Bombenkrieg des Zweiten Weltkrieges zugrunde. Nach dem Krieg war die Weltkriegsbücherei als nationalsozialistisch durchwirkte Institution im Blick der Entnazifizierung. Die Amerikaner als Besatzungsmacht in Stuttgart verbrachten die Bestände der Bibliothek in Bücherkisten in die USA, bzw. in derartigen Behältnissen kamen sie 1949 von dort wieder zurück.

 

Das Plakat, das für die Ausstellung wirbt, hat als Hauptmotiv eben eine solche massive Bücherkiste. Dass solche überhaupt aufbewahrt und dann in der Ausstellung gezeigt werden konnten, ist für sich genommen schon erstaunlich genug. Es ist darüber hinaus ein sinnfälliges Plakat; denn es verweist auch auf die Zufälligkeiten, die den Erhalt oder den Verlust von Beständen oder ganzen Bibliotheken bedingt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Modernisierung des Bibliotheksnamens von „Weltkriegsbücherei“ in „Bibliothek für Zeitgeschichte“. Die BfZ sammelte nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schwerpunkt Literatur zur militärischen Geschichte des Krieges. Die BfZ wurde so auch zu einem Zentrum und Standort außeruniversitärer Forschung. Da die Finanzierung im Rahmen eines Stiftungsmodells nicht mehr trug, erfolgte im Jahre 2000 die formale Eingliederung der Bibliothek in die WLB, unter deren Dach sie sich schon seit der Nachkriegszeit befunden hatte.

 

Die Ausstellung in den Räumen des Buchmuseums der WLB war die letzte Ausstellung, die noch die alte Architektur des Bibliotheksgebäudes vor seinem Umbau nutzen konnte. Die eigentümlichen Räumlichkeiten in Form von fünf sechseckigen, wabenförmigen, begehbaren Großvitrinen gingen in die Konzeption der Ausstellung ein. Man schuf in jeder der Glaskammern ein „Zeitfenster“, in dem man exemplarisch die Geschichte der BfZ in einem ausgewählten Jahr thematisierte. Für die verschiedenen Jahre nahm man verschiedene Exponate als „Leitfossilien“.

 

Das Jahr 1915 steht für die Gründung der Bibliothek als eine der damals zahlreich entstandenen Kriegssammlungen, die den damals schon ein Jahr tobenden Weltkrieg zu dokumentieren gedachten. Ein Bücherwagen mit eingebranntem Besitzerkürzel WKB ist u. a. mit Beispielen für Notgeld aus der Zeit des Ersten Weltkrieges beladen. Der Handkarren mag auch als Symbol für die Sammlungstätigkeit stehen, die die zeitgenössische Literatur zur Geschichte des Ersten Weltkrieges möglichst umfassend erwerben und erfassen wollte. In der Vitrine sind dazu noch u. a. Feldzeitungen und Vivatbänder zu sehen. Solche Stoffbänder verkaufte das Rote Kreuz anlässlich von „Siegen“, um Mittel für die Finanzierung ihrer wohltätigen Zwecke zu bekommen.

 

Das Jahr 1933 präsentiert die nationalsozialistische Vereinnahmung der Institution und die Willfährigkeit der Mitarbeiter bei der ideologischen Vorbereitung eines zukünftigen Krieges, der zum Zweiten Weltkrieg werden sollte. In dieser Wabenkammer befindet sich neben Fotos der Ausstellungsräume des Weltkriegsmuseums auch eine Büste des Bibliotheksgründers Franck.

 

Das Jahr 1944 steht für den nationalsozialistischen Krieg, der schließlich die Vernichtung der Bibliotheksräume und des Kriegsmuseums im Schloss Rosenstein brachte. Es thematisiert aber auch die Kungelei der Weltkriegsbücherei mit den Machthabern des nationalsozialistischen Regimes. Dies bewahrte der Bücherei ihre formale Unabhängigkeit, die nun als Spezialbibliothek, Forschungsinstitut, Kriegssammlung und Kriegsmuseum in Erscheinung trat. Fotos zeigen das in diesem Jahr ausgebrannte Schloss Rosenstein. Dies mag auch symbolisch für das gewalttätige Ende des Regimes stehen. Dass die Bibliothek, einen Neubeginn nach 1945 erfahren konnte, war keinesfalls sicher. Zwei Bücherkisten dokumentieren die Qualifizierung der geretteten, beschlagnahmten Bestände als mutmaßlich nationalsozialistisch kontaminiertes Material durch die Amerikaner. 1948 erfolgte dann der Neustart als „Bibliothek für Zeitgeschichte“.

 

Das Jahr 1959 greift das Thema Militärgeschichtsschreibung im Kalten Krieg auf. Die Marinesammlung der Bibliothek begann sich unter der Ägide des langjährigen Direktors der BfZ Jürgen Rohwer (1924-2015) zu entwickeln. Es entstand im so genannten „Marinearchiv“ eine weltweit bedeutende Sammlung von Schiffsfotos. Rohwer war zugleich über Jahrzehnte hin auch Chefredakteur der Marinerundschau. Als „Einmann-Denktank“ leistete er zusammen mit den Mitarbeitern des Arbeitskreises für Wehrforschung von den 1950er bis in die 1980er Jahre wichtige Beiträge zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Eine Verschlüsselungsmaschine vom Typ Enigma aus dem Besitz der BfZ ist in der Wabe zu sehen. Mit der Enigma wird auch an die im Hause getätigten Forschungen zur Geschichte des U-Boot-Krieges im Zweiten Weltkrieg erinnert. Enigma steht natürlich nicht nur speziell für Kriegsgeschichte sondern allgemein für die Geschichte der Geheimdienste, für deren Erforschung sich Rohwer immer auch eingesetzt hat. Zu sehen sind hier neben den wichtigen Publikationen Rohwers u. a. auch verschiedene Hefte der Marinerundschau, Modelle von Kriegsschiffen im Maßstab 1:1250 und Literatur zur Schiffserkennung.

 

Das Jahr 1972 steht für die Einrichtung einer Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur. Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition hatten eine eigene Gegenöffentlichkeit geschaffen. Es gab von der Forschungsgemeinschaft Gelder, diese neuen sozialen Bewegungen in einer eigens eingerichteten Stelle zu dokumentieren. Ein Matritzendrucker verweist auf den Herstellungsprozess „grauer“ Literatur mit ihren Flugblättern und Broschüren in den politisch bewegten Zeiten der 1960/70/80er Jahre. Anti-Atom-Bewegung, Terrorismus und Friedensbewegung wurden zu wichtigen Themen der Sammlungstätigkeit. Verschiedene Anstecker, die zu ihrer Zeit vielerorts Alltagsgegenstände waren, vermitteln einen kleinen Eindruck vom in der Dokumentationsstelle auch bewahrten Beifang, der nicht aus Pappe, Papier oder Stoff besteht.

 

Das Jahr 2000, das ja auch das Ende der Bibliothek als selbständige Institution brachte, ist sinnigerweise nicht mehr in einer „Wabe“ präsentiert, sondern in einer Pultvitrine. Der Abschnitt ist dem „Wandel der Zeitgeschichtsforschung“ gewidmet. Man wolle nach den Worten des damaligen Chefs der BfZ Gerhard Hirschfeld nun nicht mehr erforschen, wie Kriege gemacht, sondern wie sie erlitten würden. Hier liegen korrigierte Manuskripte, die als Vorlage für die „Enzyklopädie des Ersten Weltkrieges“ dienten. Das Werk war letzter Höhepunkt im Publikationsschaffen des Hauses. Die Vitrine steht vor dem bei Abbrucharbeiten gefundenen Grundstein eines Vorgängerbaus der jetzigen WLB.

 

Verschiedene Sondersammlungen erhielten eigene Tischvitrinen. So erinnern Ordner an das 1990 von der BfZ erworbene Feldpostarchiv der „Sammlung Sterz“. Verschiedene Fotos und Alben des so genannten „Zarenarchivs“ sind zusammen mit der Standarte der kaiserlichen russischen Yacht zu sehen. Das Marinearchiv der BfZ stellt sich in einer Vitrine mit verschiedenen privaten Fotoalben vor, die von Kriegsteilnehmern während des Zweiten Weltkrieges auf Schiffen der Kriegsmarine angelegt wurden. Es sind Fotos zu sehen, die während Einsätzen in Norwegen entstanden sind. Auf einer Seekarte wird abgesteckt, welche Kurse deutsche Schiffe während des Krieges längs und innerhalb der norwegischen Fjorde nehmen konnten, um der immer größer werdenden Bedrohung durch die britischen Luftstreitkräfte auf der Route entlang der Küste Norwegens entgehen zu können.

 

Mitarbeiter der Weltkriegsbücherei bzw. der BfZ wirkten als Verfasser von Monographien und Herausgeber von Sammelwerken. Man hatte eigene Publikationsreihen. Diese sind in Wandvitrinen ausgestellt. Zu sehen sind die einzelnen Bände der Jahresbibliographien, in denen die Neuerwerbungen der Bibliothek systematisch gegliedert vorgestellt wurden. Die vollständige Ausstellung der Publikationen der BfZ, die nach 1993 als „Neue Folge“ auch als Reihe den Bruch mit der Tradition dokumentieren wollte, wirkt heute, da auch die neue Reihe mit der BfZ selbst aufgegeben wurde, mit ihren distinktiven Covern umso nostalgischer.

 

Bei der auf bestimmte Jahre hin festgelegten Konzeption der Ausstellung ist es natürlich schwierig, sich entwickelnde Prozesse darzustellen. Damit werden vor allem die historischen Brüche und weniger die Kontinuitäten betont. Und um eine solche Kontinuität handelte es sich bei dem Systematischen Katalog der BfZ, der immer wieder neu den Zeitläufen anzupassen war. Die WLB hat in ihrer Ausstellung wenigstens noch ihren abgegangenen Systematischen Katalog vorgestellt. Die BfZ ignoriert die Geschichten ihres Systematischen Katalogs in ihrer Ausstellung dagegen vollkommen. Ein solcher Katalog war Wesenskern einer jeden Bibliothek. Dies galt ganz besonders für den der BfZ, da hier die militärische Geschichte und die Geschichte der internationalen Beziehungen des 20. Jahrhunderts schnell und dabei in einer kaum zu überbietenden Detailliertheit zu erfassen war. Während der Systematische Katalog der WLB in digitaler Form heute wenigstens noch zu benützen ist, geriet der Systematische Katalog der BfZ, der abgeräumt wurde und nur als Mikrofiche greifbar ist, zu Unrecht in Vergessenheit. Die Ablösung von Systematischen Katalogen durch Schlagwortketten als Deskriptoren von Literatur – man könnte auch nachrichtdienstlich von „Selektoren“  sprechen - war letztlich die Kapitulation vor der Unübersichtlichkeit historischer und aktueller Prozesse. Sinnfällig wird dies dadurch, dass neuere Literatur zu aktuellen Themen, wie etwa dem Nahostkonflikt und die Bedrohung durch den Islamischen Staat lieblos ausgeschüttet in Tischvitrinen dargeboten werden. Die Ratlosigkeit vor der Masse der Literatur und ihrer Einordnung wird so selbst in kleinem Rahmen nachvollziehbar. Es ist klar, dass es für einen Systematischen Katalog speziell geschulte Mitarbeiter bedurfte. Die Rationalisierungseffekte bei Verwendung von Schlagworten sind offensichtlich. Fünf Begriffe findet man immer. Systematische Orte zu finden, setzt aber ein gewisses historisches Grundverständnis voraus.

 

Wenn die Fotografie „Fetisch“ des 20. Jahrhunderts war, dann ist der Fetisch am Beginn des 21. Jahrhunderts das „Digitalisat“. In einem gewissen Sinne geht der immense Zugewinn an Informationsmöglichkeiten in Form von im Internet zur Verfügung gestellten Kopien von Originalen, seien es Texte, seien es Bilder, einher mit einer Auslagerung von inhaltlicher Erschließung an die „End-User“. Man verschanzt sich gerne hinter Datenbanken.

 

Die BfZ zeigt in einer Pultvitrine Erinnerungsstücke und Schriften, die 2011 im Rahmen des Projektes „Europeana 1914-18“ der Bibliothek von privater Seite gestiftet und von der BfZ dann digitalisiert wurden. Die BfZ begann auch mit der Digitalisierung verschiedener Teile ihrer Altbestände. Zum Gedenkjahr 2014 „100 Jahre Erster Weltkrieg“ entwickelte die BfZ ein Online-Portal, mit dem man gedenkt, beständig neu digitalisierte Bestände zu präsentieren. Ob dies zu spät, zu wenig, zu ungenau erfolgt, mag jeder bei Nutzung der jeweiligen Internetseiten der BfZ für sich selbst entscheiden. Ein Datenterminal steht jedenfalls wie verlassen als Objekt einer (un)eingelösten Verheißung neben der Vitrine mit der Enigma.

 

Eine Wand füllt politische Plakate. Diese zeigen einen kleinen Querschnitt aus den Beständen der Plakatsammlung. Die Motive reichen von der „Württembergischen Kriegsausstellung“ 1916 in Stuttgart bis hin zum „Castor-Alarm“ in den 1990er Jahren. Man hat sich aus „konservatorischen“ Gründen entschlossen, keine Originalplakate auszustellen, sondern nur fotografische Reproduktionen. Die Plakate wirken so alle durch ihren Umbruch im neuen Medium eigentümlich gleichförmig. Man fragt sich natürlich schon, wenn man nicht einmal zu einem so bedeutenden Ereignis wie dem hundertjährigen Bestehen der BfZ bereit war, das eine oder andere Stück so zu zeigen, wie es tatsächlich erhalten ist, welche Bedeutung Originale denn dann zukünftig eigentlich noch haben sollen. Man glaubt es so eigentlich gar nicht mehr, dass die eigentliche Funktion der papierenen Vorlagen einmal darin bestanden hatte, vor allem in Wind und Wetter im Freien zu wirken.

 

In der Ausstellung wird ein Fernsehbeitrag zum 50-jährigen Bestehen der BfZ gezeigt. Zu sehen ist die Baugrube des damals in den 1960er Jahren im Entstehen begriffenen Neubaus der WLB. Heute (2016) entsteht ein Erweiterungsbau. Und das Ambiente der Ausstellung ist eine riesige Baugrube. Der Grobstaub der Baustelle zieht in die Ausstellungsräume und reizt die Atemwege. Ein hochgezogenes Foto des seinem Untergang entgegen fahrenden Schlachtschiffes „Bismarck“, das man über dem Wasserbecken der ehemaligen Cafeteria aufgehängt hat, verdeckt stellenweise wie ein Gespensterschiff die Baustelle mit ihren blauen Paletten, Baustahlmatten und Verschalungselementen.

 

Die im Deutschen harmlos klingende Aussage, wie „sie bauen“, bekommt im schwäbischen Idiom einen bedrohlichen landsmannschaftlichen Unterton dahingehend, dass damit auch ein brachialer Bruch mit Tradition und Überlieferung zumindest nicht ausgeschlossen ist. Und wenn der Bezug des Erweiterungsbaues erfolgt und die verschiedenen noch bestehenden Außenstellen von BfZ und WLB umziehen bzw. aufgelöst werden, ist zu erwarten, dass die neuen Nutzungsflächen nicht den Anforderungen genügen werden. Dies und die Möglichkeiten, auf Digitalisate verweisen zu können, wo auch immer sie abgelegt oder produziert sein mögen, erzeugt auch eine Bedrohung für die Bestände. Es ist nur folgerichtig, dass in der WLB eine „Aussonderungsbeauftragte“ für eine Evaluation der zu entsorgenden Bestände benannt wurde; denn alles und noch viel mehr ist ja „im Internet“, mag man schon hören ... Irgendwie scheint man auch in diesem Sinne auf die Ausstellung eingestimmt zu werden. Wegen der aktuellen Bauarbeiten ist der eigentliche Zugang zum Buchmuseum, der ursprünglich über eine inzwischen abgeräumte Grünfläche erfolgte, auf gleichem Niveau verwehrt. Man kann die Ausstellung nur über Treppen oder über eine abwärts führende Rampe erreichen. Da kommt man an zwei Zitaten vorbei, die als Motto an einem Pfeiler über der ganzen Ausstellung hängen: „Die Wut des Sammlers kennt keine Grenzen.“ Und programmatisch wird die Frage gestellt: „Was soll aber eine spätere Wissenschaft mit all dem anfangen?“ Man mag wohl hoffen, dass damit nicht eine durch die Frage suggerierte Antwort „Wenig, bis nichts!“ gemeint gewesen sein könnte.

 

Die Ausstellung wurde Anfang April 2016 abgeräumt. Was bleibt, ist der Begleitband zur Ausstellung. Darin befindet sich ein Foto, das die Skulptur eines gefallenen Kriegers zeigt, wie sie im Kriegsmuseum im Rosenstein platziert gewesen war. Das Stück war seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Ein Mitarbeiter des Planungsstabes des gerade entstehenden Stuttgarter Stadtmuseums konnte das Stück nun anhand der Publikation im Keller eines Stuttgarter Kindergartens identifizieren. Daraufhin übernahm das Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart, die Skulptur in der Absicht, sie in ihrer Dauerausstellung zu zeigen. Die WLB hat in ihrem Buchmuseum Bauschmuck des Vorgängergebäudes integriert. Dargestellt ist eine Druckerpresse, wie sie am Beginn des Buchdruckes wohl zur Herstellung der Gutenbergbibel gedient haben mochte. Es ist nichts davon bekannt, dass es eventuell Überlegungen gegeben hätte, das unverhofft wieder aufgetauchte Stück als Denkmal für die wechselvolle Geschichte einer abgegangenen Bibliothek in den gerade entstehenden Erweiterungsbau der WLB zu integrieren. Politische Irrungen, Wirrungen und Vereinnahmungen, die die Historie der BfZ auch ausgezeichnet haben, wären so an diesem Standort immer auch Erinnerungszeichen und Mahnung für die aktuelle bibliothekarische Praxis gewesen und nicht nur - wie im Museum - antiquarisches Zeugnis einer mehr oder weniger glücklich überwundenen Vergangenheit.

 

Am Schluss sei auf den Begleitband zur Ausstellung verwiesen:

100 Jahre  Bibliothek für Zeitgeschichte 1915-2015, herausgegeben von Christian Westerhoff. Vorwort von Hannsjörg Kowark. Redaktion Edith Gruber, Irina Renz, Imke Widmaier. Mit Beiträgen von Aibe-Marlene Gerdes, Gerhard Hirschfeld, Irina Renz, Michael Rost, Thomas Weis, Christian Westerhoff. Stuttgart: Württembergische Landesbibliothek, 2015. 167 S. zahlr. Ill.


[1] Vgl. hierzu Artikelserie 100 Jahre Erster Weltkrieg – 100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte, hg. v. Christian Westerhoff, in: Portal Militärgeschichte, 30. Dezember 2013, URL: http://portal-militaergeschichte.de/westerhoff_renz_sammlungen.

Gundula Gahlen

Zitierempfehlung

Winfried Mönch, Eine Nachlese zur Ausstellung „100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte 1915-2015“ in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart, in: Portal Militärgeschichte, 29. August 2016, URL: http://portal-militaergeschichte.de/moench_bfz. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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