Diversität im Militär
Hrsg. v. Sönke Neitzel

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Einleitung: Diversität im Militär

Von: 
Sönke Neitzel
Flyer_Jahrestagung_Diversität

Einleitung

Die Streitkräfte eines Staates bestanden in historischer Perspektive zumeist aus Soldaten unterschiedlicher Religion, Sprache und sozialer Prägung. Oft reichte die Rekrutierungsbasis im eigenen Territorium oft nicht aus, weshalb immer wieder auf fremde Truppen zurückgegriffen wurde. So entstanden multikulturelle Streitkräfte aller Art und die militärischen Führungen waren mit der Herausforderung konfrontiert, aus denkbar heterogenen Truppenteilen kampfkräftige Verbände zu formen. Dabei galt es auch, die unterschiedlichen Fähigkeiten und Motivationen der Soldaten bestmöglich zu nutzen.

Wie bei Jahrestagungen des Arbeitskreises üblich wurde das Thema in einem historischen Längsschnitt von der Antike bis heute untersucht. Fünf besonders prägnante Beiträge werden nachfolgend publiziert. Christoph Ebner befasste sich mit der Diversität in der römischen Armee, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. wie eine Art Integrationsmaschine wirkte. Dies betraf zunächst die Italiker, in der Kaiserzeit dann immer mehr auch Personen außerhalb des italienischen Kernlandes, die bald die Mehrheit in den Truppen stellten. Sodann ist an die Auxiliareinheiten der Provinzen zu denken, die unter der Führung römischer Offiziere, aber auch eigener Anführer stehen konnten. Wer sich im Kampf bewährte, hatte die Aussicht auf den Erwerb des römischen Bürgerrechts. Rom verstand vergleichsweise geschickt, die ethnische und kulturelle Diversität des Imperiums für die eigenen Streitkräfte aber auch für den Zusammenhalt des ganzen Reiches zu nutzen. Da stets auf die Einheitlichkeit von Kommandosprache und Führung großer Wert gelegt wurde, blieb die Schlagkraft der Verbände zumeist hoch.

In den Heeren der Staufer gab es keine vergleichbare Integration, wie Sebastian Schaarschmidt darlegt. Sie setzten sich aus vielen verschiedenen aber in sich sprachlich homogenen Gruppen zusammen, die über ihren Fürsten an den Kaiser gebunden waren. Ein stabilisierendes Element war die „big culture“ des Kriegeradels, der jenseits aller kulturellen Unterschiede über ein gemeinsames Ethos verfügte. Dieser Befund legt schon nahe, dass eine gewisse Homogenität offenbar nicht erst in der Zeit des Nationalstaates als Voraussetzung für militärische Schlagkraft interpretiert, Heterogenität hingegen als Herausforderung aufgefasst wurde, der es mit verschiedenen Techniken zu begegnen galt. Diversität war möglich, ja erwünscht, überstieg sie aber ein bestimmtes Maß, konnten Armeen dysfunktional werden. Die osmanischen Streitkräfte erreichten zwischen 1453 und 1566 den Zenit ihrer militärischen Leistungsfähigkeit. Danach wurde die Heeresordnung aber radikal verändert. Das osmanische Heerwesen begab sich gewissermaßen auf den Weg nach Europa, wie Thomas Scheben in seinem Beitrag schreibt. Eine besoldete stehende Armee mit einer mit Musketen bewaffneten Infanterie wurde aufgebaut. Aber Konstantinopel ging diesen Weg nie konsequent zu Ende. Die Vereinheitlichung von Führungsgrundsätzen, Rekrutierung und Ausbildung wurde nie erreicht. Im Gegenteil, die osmanische Armee bestand bald immer mehr aus einer denkbar heterogenen Ansammlung von Privatarmeen unterschiedlichen Standards. Zur Offensive war diese Streitmacht im 18. Jahrhundert nicht mehr fähig. Nur in der Defensive war sie aufgrund ihrer schieren Zahl noch ein ernstzunehmender Gegner.

Christian Koller nimmt sich in seinem Beitrag einem speziellen Aspekt militärischer Diversität der Moderne an: Flüchtlinge als Soldaten in den Streitkräften der Großmächte. Für diese Gruppen gibt es zahlreiche Beispiele: Badener Flüchtlinge in brasilianischen Diensten im La-Palata-Krieg, Polen in der britischen „Auxiliary Legion“ in den Karlistenkriegen und dann natürlich das klassische französische Beispiel der Fremdenlegion. Deren Größe und Zusammensetzung wandelte sich ständig und war in gewisser Weise ein Abbild der politischen Verhältnisse Europas. Nach dem russischen und spanischen Bürgerkrieg fanden sich überproportional viele Männer aus diesen Ländern in der Legion wieder, vor dem Zweiten Weltkrieg jüdische Deutsche, nach 1945 solche mit Wehrmachts- oder Waffen-SS- Vergangenheit. Es ging Frankreich dabei nie um die Integration der Flüchtlinge im Mutterland, sondern immer um die Ausnutzung ihres militärischen Potentials, das man tunlichst außer Landes schaffen wollte. Eine Ansiedlung – und damit eine gesellschaftliche Integration – kam allenfalls in den Kolonien in Frage. Die militärische Bedeutung von Flüchtlingen in fremden Streitkräften war, so Koller, insgesamt durchwachsen. Nicht immer gelang es – so wie im Fall der französischen Fremdenlegion – durch die Aufnahme von Flüchtlingen einen schlagkräftigen Verband zu formen.

Zuletzt wirft Sylvia E. Kleeberg-Hörnlein einen Blick auf die immer heterogener werdende Bundeswehr. Sie verdeutlicht, dass viel Aufwand betrieben wird, um den Herausforderungen der kulturellen und religiösen Diversität gerecht zu werden. Allerdings zeigt der Beitrag, diese kritische Anmerkung sei erlaubt, auch die Selbstreferentialität religionspädagogischer Diskurse, die mit den realen Herausforderungen des Truppenalltages wohl nur wenig zu tun haben.

In der historischen Langzeitperspektive wird deutlich, dass in allen Epochen Streitkräfte mit den Herausforderungen der kulturellen Diversität ihrer Soldaten umzugehen hatten. Dabei wurden ganz unterschiedliche Formen der Integration angewendet, entweder um Identitäten aufzulösen oder aber sie bewusst zu wahren und zu nutzen. Freilich zeigte sich schon in der Antike, dass Homogenität in Ausbildung und taktischem Verständnis förderlich für die militärische Schlagkraft war und dass dafür sprachliche und kulturelle Referenzpunkte besonderes Gewicht hatten. An diesem Befund scheint sich im Prinzip bis heute wenig geändert zu haben. In den 1950er Jahren kam man in den Debatten um die Europäische Verteidigungsgemeinschaft schließlich überein, dass zumindest national homogene Divisionen gebildet werden sollten und erst in der Führungsebene darüber sinnvoll integriert werden konnte. Man ging sogar noch einen Schritt weiter und behielt das schon in vorherigen deutschen Armeen vorhandene Prinzip der regionalen Rekrutierung der Divisionen bei. Heute ist man vor allem aus politischen Beweggründen weiter und durchmischt selbst Kompanien mit Soldaten mehrerer Nationen. Freilich ist heute der Sinn von Integrationsprojekten fast ausschließlich politischer Natur und dient weniger militärischen Notwendigkeiten – man denke hier nur an die von Helmut Kohl und Francois Mitterand 1991 ins Leben gerufene deutsch-französische Brigade.

Zitierempfehlung: Sönke Neitzel, Einleitung. Themenschwerpunkt Diversität im Militär - Multikulturelle Streitkräfte von der Antike bis in die Gegenwart, hg. v. Sönke Neitzel, in: Portal Militärgeschichte, 23. April 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/neitzel_einleitung. DOI: 10.15500/akm23042018. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

Christoph Nübel

Zitierempfehlung

Sönke Neitzel, Einleitung: Diversität im Militär. Schwerpunkt Diversität im Militär, hg. v. Sönke Neitzel, in: Portal Militärgeschichte, 23. April 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/neitzel_einleitung. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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