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Militärisches Entscheiden. Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentationen einer sozialen Praxis von der Antike bis zur Gegenwart

Jahrestagung des Arbeitskreises Militärgeschichte, Münster, 19.-21. Oktober 2017
Von: 
Leonie Ziegler

„Entscheiden gilt auf militärischem Gebiet als zentrale Kompetenz“, so CHRISTOPH NÜBEL zu Beginn der Tagung mit dem Titel „Militärisches Entscheiden. Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentationen einer sozialen Praxis von der Antike bis zur Gegenwart.“, zugleich Jahrestagung des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. (AKM). Das Militär habe dennoch „das Entscheiden nicht perfektioniert“; militärisches Entscheiden sei vielmehr eine Schnittmenge aus unterschiedlichen Charakteristika sozialer Systeme und Organisationen. Diese Bandbreite militärischen Entscheidens nahm die AKM-Jahrestagung 2017 in den Blick, die von MARTIN CLAUSS, MARTIN KINTZINGER, CHRISTOPH NÜBEL und MARKUS PÖHLMANN organisiert und durch den Sonderforschungsbereich 1150 „Kulturen des Entscheidens“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster unterstützt wurde. Im Fokus der Tagung, die vom 19. bis 21. Oktober 2017 an der Universität Münster abgehalten wurde, standen Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentation militärischen Entscheidens. Militärisches Entscheiden ist nach Nübel gekennzeichnet durch Absolutheit, Kontingenz sowie die Beeinflussung der jeweiligen Entscheidungsprozesse durch Räumlichkeit und Organisationsformen. Entscheidungen militärischen Handelns ließen sich zum Zweck einer analytischen Aufarbeitung systematisieren und somit in verschiedene Entscheidungskulturen einordnen. Unterschiedliche Forschungsperspektiven aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zeigen die Prozesse und Strukturen militärischen Handelns auf. Das vielfältige Programm der Tagung ließe die weitreichende Bedeutung dieser sozialen Praxis erkennen, wobei gemeinsame Merkmale und Thematiken des Entscheidens von der Antike bis zur Gegenwart vermessen wurden. Die epochenübergreifende Einordnung der Vorträge erfolgte in den Sektionen Lernen, Wissen, Politik, Prozesse, Monarchen, Kollektive und Schlachten.

 

Nach Eröffnung der Tagung durch die einleitenden Worte von STIG FÖRSTER, Vorstandsvorsitzender des AKM, präsentierte Christoph Nübel einen Überblick über das militärische Entscheiden.

Aus wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive sei der Entscheidungsprozess wichtiger als die eigentliche Entscheidung, so ULRICH PFISTER in seinen Begrüßungsworten. Entscheidungen seien ein Bündel von Kulturtechniken zur Entwicklung und Bewältigung von Alternativen, ihrer Evaluation und Selektion. Dazu nannte er drei Maxime: Die Ausdifferenzierung aus der Alltagsroutine bedürfe der Herstellung einer Situation, die einen Gegenstand sowohl als entscheidungsfähig als auch einer Entscheidung bedürftig definiert. Die Bildung formaler und informaler Institutionen als zweite Maxime sei ausschlaggebend zur Entwicklung, Evaluation und Selektion von Alternativen. Der letzte Aspekt sei die Kontingenzbewältigung. Der Sinn der gewählten Entscheidungsalternativen konstituiere sich maßgeblich über die nicht gewählten Alternativen.

An diese Ausführungen schloss WOLFRAM PYTA mit seinen Überlegungen zur militärischen Entscheidungskultur in der Keynote an. So stünden beim Militär die Entscheidungsbefugten und die Entscheidung an sich im Fokus, viel mehr als die Frage nach der inhaltlichen oder normativen Sinnhaftigkeit. Dies hätte jedoch zur Folge, der Willkür des Entscheiders ausgeliefert zu sein. Aus diesem Grund sei die militärische Tugendlehre ausschlaggebend: Die Qualität der Entscheidung werde abhängig gemacht von der Reife der Persönlichkeit und deren Tugenden. Das „interdisziplinäre Potential des Entscheidens“ zeige sich auch bei der künstlerischen Legitimation der militärischen Entscheidungsfigur, was zu zwei Extremen führe: Der großen Bedeutung des hasard auf der einen Seite, der den letzten Urgrund des militärischen Entscheidens bestimme. Auf der anderen Seite stünde das nicht regelgeleitete Genie mit Hitler als welthistorisch extremstem Beispiel.

Welche Vorstellungen in dem jeweiligen historischen Kontext vorherrschen, ob und wie militärisches Entscheiden erlernt werden könne, wurde in der Sektion „Lernen“, das erste Panel der Tagung, unter der Leitung von Gundula Gahlen näher betrachtet.

Praktische Überlegungen wie Nachschubsicherung und Aufrechterhaltung der Disziplin konnten Militärtheoretikern wie Maurice de Saxe zufolge durchaus erlernt werden, so MICHAEL SIKORA. Über die Eigenschaften und Tugenden, als eigentliche Garantie für militärisches Entscheiden, gäben die militärtheoretischen Schriften des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts allerdings oft nur wenig Auskunft. Während Maurice de Saxe feststellte, dass man zum Feldherr geboren sein müsse, wurde mit der Verwissenschaftlichung der Kriegführung Ende des 18. Jahrhunderts eine konsequente Gegenposition vertreten: Von „Kriegskunst“, die jedermann erlernen könne, sprach etwa der deutsche Reichskanzler Bernhard von Bülow. Dennoch sei der Gedanke des Feldherrn als Genie immer präsent. Dies führe zu der Erkenntnis, dass der Feldherr als eine Art Blackbox des militärischen Entscheidens wahrgenommen werden müsse.

MARCO SIGG referierte über den Dezisionismus im preußisch-deutschen Heer von 1869 bis 1945. Die typisch deutsche Auftragstaktik spiegele sich auch in den preußisch-deutschen Ausbildungsvorschriften wider: Der ideale Entscheidungsträger würde sich demnach durch die aktionistischen Elemente Entschlossenheit, Selbstständigkeit und Offensivdenken und die regulativen Elemente Gehorsam, Einheitlichkeit der Handlung, Urteilsvermögen und komplexe Befehlsgebung auszeichnen. Von den militärischen Führungskräften seien Taten verlangt worden, Entscheidungen sollten getroffen werden – auch auf die Gefahr hin, Fehler zu begehen. Daraus ergebe sich das Spannungsfeld zwischen Selbstständigkeit und Disziplin. Zum Schluss veranschaulichte der Referent die praktische Umsetzung des auftragstaktischen Vorgehens anhand dreier Divisionen des preußisch-deutschen Heeres an der Ostfront 1942/1943.

Die Beurteilungen der Streitkräfte europäischer Neutraler durch den Generalstab des deutschen Feldheeres 1918 ließen sich PETER MERTENS zufolge mit dem sozialpsychologischen Erklärungsansatz der sozialen Kognitionen erläutern. Nach diesem Modell würden Kognitionen zwischen externen Reizen und dem beobachtbaren Verhalten vermitteln. Kognitionen könnten als Informationsverarbeitungsprozesse verstanden werden, die zwischen dem reflektierenden und dem impulsiven System Verknüpfungen herstellen. Informationsflut sowie Zeit- und Personalmangel hätten im Generalstab des Feldheeres zur Folge gehabt, dass auf kognitive Abkürzungen wie beispielsweise soziale Stereotype zurückgegriffen wurde. Diese hätten zwar die Entscheidungsverfahren vereinfacht, könnten aber aufgrund der fehlenden Überprüfung auch bewusstseinsverzerrend sein.

Auf das Lernen folgt das Wissen. Aus diesem Grund beschäftigte sich die von MARTIN CLAUSS geleitete Sektion „Wissen“ mit dem Wissenstand, der hinter der Entscheidung beziehungsweise der Selektion von Handlungsalternativen stand.

SIMON PUSCHMANN befasste sich mit der von Vegetius verfassten militärischen Fachschrift Epitoma rei militaris. Der römische Autor studierte theoretische Schriften und das römische Militärwesen seiner Vorfahren und leitete davon ausgehend Handlungsempfehlungen für die militärischen Führungskräfte seiner Zeit ab. Dies impliziere notwendige Charaktereigenschaften des Dux, des Führers, ebenso wie die Vorbereitungen und den eigentlichen Ablauf von Handlungs- und Entscheidungsprozessen. Voraussetzung für das militärische Entscheiden sei Vegetius zufolge die Wiederbelebung der ars militaris (Kriegskunst), um altes Wissen und Methoden mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu analysieren und weiterzugeben.

Mit den prognostischen Entscheidungsressourcen im byzantinischen Militärwesen setzte sich MICHAEL GRÜNBART in seinem Vortrag auseinander. Schriftlichen Quellen aus dem 6. bis 10. Jahrhundert zufolge sollte der Kaiser als wichtigster Entscheidungsträger „lange überlegen, schnell entscheiden“. Die Zeitlichkeit als wesentliche Komponente der Entscheidung sei eng verknüpft mit deren Umsetzungserfolg. Neben Beratern seien auch schriftliche Ressourcen zur Astrologie und Astronomie essentiell in Entscheidungsvorbereitungen gewesen. So sollten durch wissenschaftliche Erklärungen Beschlüsse gefasst und die Position des Kaisers legitimiert werden.

JAN PHILIPP BOTHE referierte über die Entwicklung des kartografischen Wissens als militärische Entscheidungsressource. Im 17. Jahrhundert hatte die gewaltsame Rekrutierung von Ortskundigen als die beste Möglichkeit zur Informationsbeschaffung gegolten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten damit einhergehend Probleme auf, hätten die Landeskundigen doch oft nur rudimentäre Kenntnisse über die Landstriche gehabt. Vor allem Frankreich galt dabei beim Vermessen und Verzeichnen von Karten als Vorreiter, andere europäische Staaten schlossen sich aber rasch an. Ende des Jahrhunderts sei das Konsultieren von Karten für Feldherren alltäglich gewesen. Neben der Ungenauigkeit der Karten stellten deren Lesen und Deutung Probleme dar. Aus diesen Gründen seien ein gutes Augenmaß und das schnelle Abschätzen für den militärischen Entscheidungsträger unabdingbare Fähigkeiten geblieben.

Während des Abendvortrags zu Atomwaffen und politisch-militärischen Entscheidungskulturen im Kalten Krieg ging BERND GREINER auf Henry Kissingers Werk „Kernwaffen und Auswärtige Politik“ ein. In seinem 1959 publizierten Buch beschrieb der ehemalige US-Verteidigungsminister die intentionellen Prämissen des Entscheidens und die persönliche Disposition des Entscheiders in Bezug auf Nuklearwaffen im Kalten Krieg.1 Kissingers Kernthese bezog sich auf der einen Seite auf die militärische Machbarkeit, begrenzte Atomkriege zu führen und auf der anderen Seite darauf, dass es politisch unabdingbar sei, sie jederzeit durchführen zu können. Ziel sei es deshalb, die Umwelt zu überzeugen, dass es sich bei der Bedrohung um keinen Bluff handele, damit der eigene Aktionsradius erhöht werden konnte. Dennoch verlor Kissinger in seinem Werk nur wenige Worte über die militärische Umsetzbarkeit, weswegen ihm von militärisch Fachkundigen strategisches Dilettantentum und Realitätsverweigerung vorgeworfen worden sei.

Führt die Politik das Militär oder das Militär die Politik? – so fasste CHRISTOPH RASS die Kernfrage der Sektion „Politik“ zusammen, in der das Spannungsfeld zwischen politischen Rahmungen und militärischen näher betrachtet wurde.

Die Senatspolitik der römischen Republik und deren Eingriff in die Entscheidungsfreiheiten militärischer Feldherren untersuchte FLORIAN WIENINGER. Um militärische Erfolge in „symbolisches Kapital“ (Pierre Bourdieu)2 umwandeln zu können und damit einhergehend öffentliche Ämter in Rom zu erhalten, brauchten militärische Eliten Anerkennung. Hierfür hätten sie sich an den Sitten der Vorfahren (mos maiorium) orientiert. Gegen den eigenhändig handelnden Feldherrn hätte der Senat mit Verweigerung des Nachschubs oder der Triumphverweigerung reagiert.

LUKAS GRAWE referierte über die Entscheidungsabläufe innerhalb des deutschen Generalstabs in den diplomatischen Krisen vor dem Ersten Weltkrieg. Die Informationen in den verschiedenen Abteilungen der Kommandobehörde seien nach streng hierarchischen Vorgaben bis an die Führungsspitze weitergegeben worden. Diese hätten wiederum die politischen Führungsriegen informiert und demnach auch außen- und rüstungspolitische Entscheidungen des Deutschen Kaiserreichs beeinflusst. Nichtsdestotrotz hätte sich der Generalstab nach dem Krieg über fehlende Zusammenarbeit der Abteilungen beschwert. Auch während der Zeit größter Spannungen habe es keine engen Abstimmungen zwischen Militär und Politik gegeben, mit Ausnahme des Austauschs zwischen Militär und ziviler Leitung in der Julikrise; Änderungen seien im kleinsten Kreis erörtert worden, um Informationslecks zu vermeiden.

Das Gewissen als Kriterium untersuchte MARTINA METZGER anhand verschiedener militärischer Entscheidungsprozesse im 20. und 21. Jahrhundert. Während die Entscheidungsmotive der Drahtzieher des Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 in militärischer Sicht auf die Entmachtung der unverantwortlichen militärischen Führung einzuordnen seien, seien die Wiederherstellung der „Majestät des Rechts“ politisch-moralische Entscheidungsmotive gewesen. Zum Ende ihres Vortrages ging die Referentin auf aktuelle Problemfelder der Entscheidungskultur wie Fälle von Führungsversagen und Machtmissbrauch in den deutschen Streitkräften ein.

Wie mehrfach während der Tagung angesprochen, sind die Strukturen und Prozesse im Vorfeld einer Entscheidung, die letztendlich auch zu letzterer führen elementar, weshalb sich die Vorträge der vierten Sektion mit den Prozessen, die zu Entscheidungen führen, beschäftigte. Geleitet wurde das Panel von STEFAN RUDERER.

Die Entscheidungsprozesse in Städtebünden des späten Mittelalters stellte SIMON LIENING anhand der Umsetzung der gegenseitigen militärischen Unterstützung vor. Sei eine Stadt in einer Notlage gewesen, habe sie sich an die Städtebündnisse gewandt, die sich ab dem 13. Jahrhundert bildeten. So wandte sich beispielsweise die Stadt Straßburg im Jahr 1382 mit genauer Begründung an das Bündnis, warum die militärische Unterstützung benötigt sei. Die von den Mitgliedern festgelegten strukturellen Vorgaben hätten im Falle eines Angriffs auf eine Stadt den Ablauf militärischer Hilfe geregelt. Hierbei sei es nicht sicher gewesen, ob eine von der geschädigten Stadt ausgestellte Mahnung zwangsläufig die gewünschte, schnelle militärische Hilfe mit sich führen würde, bedeutete es doch für die Bündnispartner enorme militärische und finanzielle Beanspruchung. Ob militärische Unterstützung erfolgt sei, könne durch Chronikberichte und Rechnungen nachverfolgt werden; im Falle der Stadt Straßburg blieb die Unterstützung trotz mehrmaliger Mahnungen aus.

CARSTEN SIEGEL untersuchte die Entscheidungsmuster, insbesondere die Bedeutung der Generalstabsreisen Ost, in der Planung des preußisch-deutschen Generalstabs zwischen 1894 und zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Ziel dieser Reisen war die Wissensvermittlung militärischer Kenntnisse operativer und taktischer Natur an realen Schauplätzen in den Grenzgebieten für die Generalstabsoffiziere. Grundlage hierfür seien aktuelle militärische, militärpolitische und eigene operative Erkenntnisse gewesen. Dass die Etablierung gemeinsamer Entscheidungskulturen in der Realität aber verfehlt worden sei, zeige beispielsweise das eigenmächtige Handeln des preußischen Generals Hermann von François bei der Schlacht von Tannenberg.

Mit dem deutschen Angriff auf den sowjetischen Frontbogen nahe der Stadt Kursk im Juli 1943 beschäftigte sich in seinem Vortrag ROMAN TÖPPEL. Der Ablauf des Entscheidungsprozesses zum Angriff wurde in einer von Kurt Zeitzler im Jahr 1955 veröffentlichten Studie beschrieben. Während der im Juli 1944 bei Hitler in Ungnade gefallene Generalstabschef den Führer posthum als unfähigen Militärstrategen dargestellt hätte, würden ihn andere Quellen als unsicheren Feldherrn beschreiben, der sich auf das Urteil anderer vertrauter Generäle verlassen habe und sich durchaus auch umstimmen ließ. So hätte Hitler eigentlich die Frontausbuchtung im Norden des Donezbeckens als geeignete Stelle für den deutschen Angriff an der Ostfront ausgewählt, wohingegen das „Unternehmen Zitadelle“ letztendlich am Kursker Frontbogen durchgeführt worden wäre. Dasselbe gelte auch für den Zeitpunkt des Angriffs, der schlussendlich am 5. Juli 1943 erfolgte. Das in der Nachkriegsdokumentation festgehaltene und mitunter von Zeitzler geprägte Bild von Hitler als Alleinentscheider hielt dem Referenten zufolge demnach nicht stand.

Die von MICHAEL OLSANSKY geleitete Sektion „Monarchen“ beschäftige sich mit dem Idealtypus des Alleinentscheiders auf dem Schlachtfeld, bei den Regierungsgeschäften und in der Politik.

Bei den militärischen Entscheidungsprozessen und der konsensuellen Entscheidungsfindung der Stauferherrscher sei ein sich aus der adligen Elite und hohen Geistlichen konstituierender Personenkreis eingebunden gewesen, so der Referent SEBASTIAN SCHAARSCHMIDT. Dem Monarchen oblag es als Aufgabe und Vorrecht, die finale Entscheidung zu treffen. Das Idealbild der Monarchie konstituiere sich zwischen dem Wunsch aufgrund herausragender, persönlicher Fähigkeiten zu entscheiden und dem Herrscherideal, Rat anzunehmen. Es hätte weniger der Modus der Entscheidungsfindung gezählt, sondern vielmehr Resultate und damit einhergehend der anschließende Erfolg in der Geschichtsschreibung.

Mit dem in der Geschichtsschreibung als Entscheider schlechthin dargestellten preußischen König Friedrich II. beschäftigte sich DANIEL HOHRATH. Das plötzliche und unvorhersehbare physische Erscheinen des Roi Connétable habe das Überraschungsmoment begünstigt, Entscheidungen beschleunigt und hätte die Kollabierung seiner Truppen vermieden – mit endogenen Gefahren wie Tod oder Verwundung des Herrschers. Friedrichs II. gemeinhin bekannte kühne Entschlossenheit habe aber auf Unterschätzung des Gegners, auf ungeprüften Nachrichten sowie der Tatsache, dass sich der König nicht beraten ließ, beruht.

Oftmals verglichen mit Friedrich Wilhelm I., gelte Wilhelms I. militärische Führung im Französisch-Preußischen Krieg 1870-1871 als symbolträchtig und ausdrucksstark, so FRANK STERKENBURGH. Die Rolle des Kaisers könne auf der einen Seite funktional beschrieben werden – ihm oblag die finale Entscheidung. Dennoch hätten Moltke und Bismarck via Wilhelm I. ihr Machtwort aussprechen können. Auf der anderen Seite galt der Kaiser auch als Vermittler und vereinender Akteur im Entscheidungsprozess, der seine Position im Prussian triangle gegenüber den divergierenden Interessen Bismarcks und Moltkes hätte stärken können.

Das Kollektiv als schlachtentscheidende Instanz untersuchte OLIVER LANDOLT anhand der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft. Das Entscheidungshandeln an sich stellte sowohl ein quellenkritisches als auch methodisches Problem dar, seien doch die sogenannten „Kriegsgemeinden“ nur wenig erforscht. Schlachten seien als Gottesurteile verstanden worden, die beispielsweise Gebetsrituale implizierten. Nach Ende des 15. Jahrhunderts hätten Kampftechnik, Feuerwaffen und Grabensysteme über Verlust und Niederlage entschieden. Ab dem 16. Jahrhundert wären die „Kriegsgemeinden“ unter strengem Kommando in Söldnerheere umgewandelt worden.

Nach der Fokussierung auf den einzelnen Entscheider beschäftigte sich das von KERSTIN VON LINGEN geleitete Panel mit der Rolle der Kollektive als Entscheidungsträger.

Mit den Kontinuitäten und Differenzen der bildlichen und musealen Präsentationen von preußisch-deutschen Feldherren vor, während und nach deren militärischer Tätigkeit beschäftigte sich THOMAS WEISSBRICH. Waren erst repräsentative Posen der Befehlsmacht charakteristisch bei der bildlichen Darstellung militärischer Eliten, änderte sich dies ab Ende des 18. Jahrhunderts: Abgebildet wurde nunmehr der militärische Entscheidungsträger als nachdenklicher, planender Stratege. Militärische Führungsfiguren wie Moltke, Hindenburg oder Ludendorff seien als Denker dargestellt worden, die Militärs intellektualisiert und verwissenschaftlicht worden. Diese Präsentation eines „sauberen Kriegs am Schreibtisch“ sollte die öffentliche Wirkung beeinflussen, mit Hang zu propagandistischem Einfluss.

THORSTEN LOCH beschäftigte sich mit der Selbstrekrutierung von Entscheidungseliten im deutschen Militär im Zeitraum von 1914 bis 1945. Gemeinsame Charakteristika dieser militärischen Eliten seien deren Geburtsort, soziale Herkunft und Bildungsabschluss. Dennoch würde es neben der sozialen Herkunft andere Faktoren geben, die die Rekrutierung bestimmter Personengruppen erklären würden. Für die Zweit- oder Drittgeborenen aus Adelsfamilien war die militärische Laufbahn oftmals der einzige Karriereweg, wohingegen beispielsweise ein Kaufmannssohn nicht die notwendige Schulbildung vorweisen, deshalb keine Ausbildung beim Militär einschlagen konnte. 1942 jedoch öffnete Hitler die Offizierslaufbahn auch für Nicht-Abiturienten. Etwa 30 Jahre später fanden sich die ersten Generäle aus der Kaufmannsschicht in der Bundeswehr.

„Schlachten“, die von CHRISTOPH NÜBEL geleitete, letzte Sektion der Tagung, beinhaltete Vorträge über Entscheidungen und Entscheidungsprozesse beim Kampf auf dem Schlachtfeld.

Zwar berichteten Quellen über die Sinnhaftigkeit und Art der Manöver, über die tatsächliche Entscheidungsfindung in der hochmittelalterlichen Schlacht sei jedoch wenig festgehalten worden, stellte FABIAN FELLERSMANN heraus. So hatte der Entscheidungsträger die individuelle Entscheidungsmacht inne, den Zeitpunkt des Verlassens des Schlachtfelds bei einer vermeintlichen oder tatsächlichen Niederlage zu bestimmen. Grund hierfür seien nicht nur die Wahrung der eigenen Ehre, sondern auch die Schonung wertvoller Ressourcen.

KAI LOHSTRÄTER untersuchte die Etablierung und Professionalisierung der Feldposten und die damit einhergehende Transformation der Militärkommunikation in der Frühen Neuzeit. Trotz der räumlichen Nähe zum Generalstab seien die militärischen Entscheidungsprozesse für die Feldpostmeister als organisatorische Angelpunkte militärischen Entscheidens meist unbekannt geblieben. Einzige Möglichkeit zur Entschlussfindung seien eigene Beobachtungen gewesen.

Mit der Entscheidungsfindung auf der operativ-strategischen Ebene beschäftigte sich MARKUS PÖHLMANN anhand der Abwehr der alliierten Invasion in Frankreich im Jahr 1944. Die ersten Beratungen auf deutscher Seite seien um die Jahreswende 1943/44 datiert, womit circa sechs Monate bis zum sogenannten D-Day, der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, blieben. Die operativen Rahmenbedingungen seien durch die zeitlichen Faktoren und die Raumbedingungen begrenzt worden. Während Hitler deshalb für die küstennahe Verteidigung plädiert hätte, hätte der Oberbefehlshaber West, Gerd von Rundstedt, den Vorschlag bevorzugt, die Landung der alliierten Streitkräfte abzuwarten und diese dann im Hinterland zu schlagen. Da schlussendlich beide Planungsvorschläge beachtet worden seien, spiegele sich aus militärhistorischer Sicht eine klassische Generalstabskultur wider, die durch eine top-down initiierte, relativ freie und diskursive Entscheidungsfindung charakterisiert war, so der Referent.

 

Die Tagung zeigte deutlich, dass militärisches Entscheiden weitaus mehr ist als die alleinige endgültige Dezision. Die Vorträge zu Themenfeldern aus unterschiedlichen Epochen und verschiedenen geographischen Räumen sowie deren teilweise interdisziplinären Forschungsperspektiven ermöglichten einen vielfältigen Einblick in rund 2000 Jahre militärischen Entscheidens. Betrachtet wurden vor allem Voraussetzungen und Prozesse der Entscheidungsfindung beziehungsweise des Entscheidens. Einzelne und kollektive Entscheidungsträger, bei der Entscheidungsfindung implizierte Akteure, aber auch deren Repräsentationen wurden gleichermaßen untersucht. Die gelungene Zusammenstellung der Vorträge sowie die Diskussionsbeiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten die Jahrestagung zu einer ausgesprochen gelungenen Veranstaltung. Dies unterstrich auch der neu gewählte AKM-Vorsitzende MARTIN CLAUSS in seinen Abschlussworten und wies zugleich auf die vom 10. bis 12. Oktober 2018 in Osnabrück stattfindende AKM-Jahrestagung zum Thema „Konfliktlandschaften: Militärgeschichte im interdisziplinären Dialog“ unter der Leitung von CHRISTOPH RASS hin. Während der Veranstaltung wurde auch der Wilhelm-Deist-Preis für Militärgeschichte verliehen, mit dem wissenschaftliche Abschlussarbeiten prämiert werden. Diesjähriger Preisträger ist MICHEL SCHEIDEGGER, der in seiner an der Universität Bern eingereichten Masterarbeit Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung 1945 untersucht hat.

 

Tagungsprogramm

 

Stig Förster: Eröffnung der Veranstaltung

Ulrich Pfister (Münster): Begrüßung und Vorstellung des SFB 1150

Christoph Nübel: Einführung

Wolfram Pyta: Keynote: Hasardspiel oder Kriegswissenschaft: Rhapsodische Überlegungen zur militärischen Entscheidungskultur

 

Sektion 1: Lernen (Gundula Gahlen)

Michael Sikora: Kann man Feldherr lernen? Eigenschaften des militärischen Entscheiders in den militärtheoretischen Schriften des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts

Marco Sigg: Dezisionismus als Denkstil. Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1869-1945

Peter Mertens: Militärische Entscheidungsvorbereitung und soziale Kognition. Anmerkungen zur Präsenz kognitiver ‚Abkürzungen' in der Beurteilung der Streitkräfte europäischer Neutraler durch den Generalstab des Feldheeres 1918

 

Sektion 2: Wissen (Martin Clauss)

Simon Puschmann: More veterum consilium capere - Militärisches Entscheiden durch das Wissen der Vorfahren

Michael Grünbart: Prognostische Entscheidungsressourcen im byzantinischen Militärwesen Jan Philipp Bothe: Bellona als Vermesserin der Welt? Kartografisches Wissen als militärische Entscheidungsressource im 17. und 18. Jahrhundert

 

Abendvortrag Bernd Greiner: Das Unmögliche denken. Atomwaffen und politisch-militärische Entscheidungskulturen im Kalten Krieg

 

Sektion 3: Politik (Christoph Rass)

Florian Wieninger: Die angebliche Entscheidungsfreiheit des Feldherren und die Senatspolitik in der römischen Republik: Das Beispiel der Aufhebung von Massenversklavung

Lukas Grawe: Militärisches Entscheiden in Zeiten politischer Spannung. Der deutsche Generalstab in den diplomatischen Krisen vor dem Ersten Weltkrieg

Martina Metzger: Das Gewissen als Kriterium in militärischen Entscheidungsprozessen. Die Vorbildfunktion der Verschwörer vom 20. Juli 1944 und die „Innere Führung" als neues Entscheidungsinstrument

 

Sektion 4: Prozesse (Stephan Ruderer)

Simon Liening: Militärische Unterstützung. Strukturen und Prozesse des Entscheidens in Städtebünden des späten Mittelalters

Carsten Siegel: Stehen oder Gehen? Die Rolle Ostpreußens in der Planung des preußisch- deutschen Generalstab 1894-1914

Roman Töppel: Der Angriff auf Kursk im Sommer 1943 als Entscheidungsfindungsprozess

 

Sektion 5: Monarchen (Michael Olsansky)

Sebastian Schaarschmidt: Der mittelalterliche König im Prozess des militärischen Entscheidens am Beispiel der Stauferherrscher

Daniel Hohrath: Friedrich II. - Roi Connetable

Frank Sterkenburgh: Emperor William I and the problem of military command during the Franco-Prussian War, 1870-1871

 

Sektion 6: Kollektive (Kerstin von Lingen)

Oliver Landolt: Das Kollektiv als schlachtentscheidende Instanz? Beispiele aus der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft

Thomas Weißbrich: Generalstabs-Ikonographie. Zur bildlichen und musealen Präsentation von militärischen Entscheidungen.

Thorsten Loch: Selbstrekrutierung von Entscheidungseliten im deutschen Militär 1914-45. Primat sozialer Herkunft oder institutionalisierter Karrierestrukturen?

 

Sektion 7: Schlachten (Christoph Nübel)

Fabian Fellersmann: Entscheiden in der hochmittelalterlichen Schlacht

Kai Lohsträter: Feldposten als organisatorische Angelpunkte militärischen Entscheidens? Zu den Folgen der Transformation der Militärkommunikation in der Frühen Neuzeit

Markus Pöhlmann: Die Abwehr der Invasion in Frankreich 1944. Raum, Kräfte und Dispositive

 

Martin Clauss: Schlusswort und Verabschiedung

  • 1. Kissinger, Henry, Kernwaffen und auswärtige Politik. Oldenbourg, München 1959.
  • 2. Siehe auch: Bourdieu, Pierre, Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, Hamburg 1982, S. 49-80.
Takuma Melber

Zitierempfehlung

Leonie Ziegler, Militärisches Entscheiden. Voraussetzungen, Prozesse und Repräsentationen einer sozialen Praxis von der Antike bis zur Gegenwart. Jahrestagung des Arbeitskreises Militärgeschichte, Münster, 19.-21. Oktober 2017, in: Portal Militärgeschichte, 19. Mai 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/node/1873. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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