Julian Meck
Projektskizze
Veröffentlicht am: 
08. April 2013

Mit großer Begeisterung wurde der Ruf Friedrich Wilhelms III., sich gegen die napoleonische Besatzungsmacht zu erheben, in der preußischen Bevölkerung aufgenommen. Viele Preußen schlossen sich zu Freikorps zusammen oder meldeten sich freiwillig zum Dienst in der Armee. Besonders unter den preußischen Juden war die Euphorie groß. Erst ein Jahr zuvor hatte Staatskanzler Karl August von Hardenberg den Rechtsstatus der Juden an den der christlichen Mehrheit durch das Edikt vom 11. März 1812 angeglichen. Zwar wurde der Militärdienst noch ausgeklammert, jedoch tat dies dem aufflammenden jüdischen Patriotismus und Kampfeswillen keinen Abbruch. Der Militärdienst der jüdischen Bevölkerung war stets Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen den Gegnern und Befürwortern einer jüdischen Emanzipation gewesen.

Nach der Veröffentlichung der Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ von Christian Wilhelm Dohm 1781 entbrannte ein Schriftenkampf um die Emanzipation der Juden. Die Forderung „gleiche Rechte – gleiche Pflichten“ schloss zwar den Militärdienst mit ein, stand aber zahlreichen Ressentiments gegenüber. Die vermeintliche Unfähigkeit der Juden zum Heeresdienst spielte dabei eine so wichtige Rolle, dass sie bei vielen Emanzipationsgegnern zum Mittelpunkt ihrer Argumentation avancierte.

Antijüdische Ressentiments, welche die mangelnde Eignung der Juden zum Militärdienst proklamieren, haben eine lange Tradition. Bereits seit den ersten Beschreibungen über die Juden tauchen Ressentiments auf, die sich z.T. explizit auf jüdische Soldaten beziehen. So bezeugte der Geschichtsschreiber und Geograph Agatharchides von Knidos im 2. Jh. v. Chr. als erster heidnischer Autor den Sabbat und den Brauch, sich an diesem Tag nicht zu verteidigen. Diese Gewohnheit, die nach den Makkabäerbüchern der Bibel bereits als interpretationsfähig galt, wurde in der Folge zu Vorurteilen wie Faulheit und Feigheit hochstilisiert. Religiöser Eifer und Blutaberglaube erweiterten die antiken Ressentiments gegen jüdische Soldaten im Mittelalter. Weibisch, menstruierend und mörderisch sind nur einige Attribute, mit denen jüdische Männer gekennzeichnet wurden und somit als unfähig zum Militärdienst dargestellt wurden. Frühneuzeitliche antijüdische Autoren wie Johann David Eisenmenger bündelten die bestehenden Ressentiments und führten diese weiter aus. Somit stand zu Beginn der Emanzipationsdebatte in Preußen ein großes Arsenal an Ressentiments gegen jüdische Soldaten bereit, welches den Gegnern einer bürgerlichen Gleichstellung genügend Argumente liefern sollte.

Hierbei half die herausgehobene Stellung des Militärs in Preußen. welches den wesentlichen Kern für die Identität von Staat und Nation bildete. Mit den vielen Ressentiments konnten die Gegner den Juden jegliche Befähigung zum Militärdienst und damit auch zum Staatsbürger absprechen. Für die preußischen Juden konnte das Militär wiederum zur Nagelprobe für die Integrationsfähigkeit in die christliche Mehrheitsgesellschaft werden. Nie zuvor in der Geschichte war das Ringen um die Auslöschung bestehender Vorurteile stärker als an der Wende zum 19. Jahrhundert. Dies zeigte sich besonders in der Begeisterung, mit der die jungen jüdischen Männer für Preußen in die Schlacht zogen. Welch besseren Beweis hätte es für die Tauglichkeit zum Heeresdienst und damit zur vollständigen Emanzipation auch geben können, als die Bereitschaft, für Preußen ihr Leben auf dem Schlachtfeld einzusetzen? Nicht zuletzt das Versprechen des Monarchen, allen freiwilligen Soldaten ohne Unterschiede den Eintritt in den Staatsdienst nach Kriegsende zu ermöglichen, sollte die jüdischen Männer motivieren.

In den letzten Jahren erfuhr die Beschäftigung mit jüdischen Soldaten einen stetigen Aufschwung. Jedoch blieb die antijüdische Tradition, Juden als ungeeignet zum Militärdienst darzustellen, hiervon weitestgehend unberührt. Zwar tauchen vereinzelt Hinweise in Werken zu anderen Forschungsbereichen auf, eine umfassende Untersuchung ist bisher jedoch nicht erfolgt. Die Dissertation möchte sich daher dieser antijüdischen Tradition für die Zeit der preußischen Befreiungskriege mit einem kultur- bzw. mentalitätsgeschichtlichen Zugang widmen. Im Zentrum stehen die Entstehung, Wandlung und Wirkung der Ressentiments gegen jüdische Soldaten. Dabei sollen folgende Leitfragen beantwortet werden: Welche Ressentiments richteten sich speziell gegen jüdische Soldaten? Auf welche Weise wirkten diese und auf welchen Ebenen wurden die Ressentiments tradiert?

Zunächst soll der Frage nach den Ursprüngen der Ressentiments von der Antike bis zu der Zeit der Emanzipationsbewegung nachgegangen werden. Der Hauptteil setzt mit der politischen Diskussion um eine bürgerliche Gleichberechtigung in Preußen ein. Die zahlreichen Schriften der Befürworter und Gegner einer jüdischen Gleichberechtigung sollen dabei auf Ressentiments untersucht werden. Viele Ressentiments wurden bereits hier artikuliert, die dann ihre Wirkung bei der rechtlichen Fixierung der Militärdienstpflicht im Zuge der Staatsreform und dem realen Kriegseinsatz zeigten. Neben dem „Vorabend“ der Schlacht, den Kriegsvorbereitungen, Einsegnungen und Einrangierungen der Soldaten wird der soldatische Alltag während des Krieges auf antijüdische Ressentiments untersucht. Mit einem Blick auf die unmittelbare Nachkriegszeit, die sich auf ein bis zwei Jahre nach Kriegsende erstreckt, wird der Hauptteil abgeschlossen. So kann der Umgang mit jüdischen Veteranen auf medialer, staatlicher und militärischer Ebene sowie die Erinnerungskultur der jüdischen Gemeinden untersucht werden. Durch diese Gliederung soll ein möglichst vollständiges Bild der Wandlung und Wirkung von Ressentiments gegen jüdische Soldaten auf staatlicher, nichtjüdischer und jüdischer Ebene entstehen.

Seit der Antike finden sich in zahlreichen Quellen Hinweise auf Vorurteile gegen jüdische Soldaten. Der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus sammelte in seiner Schrift „Contra Apionem“ viele Vorurteile, von denen sich einige speziell gegen jüdische Soldaten richteten. Ebenso finden Vorurteile in einigen Büchern der Bibel Erwähnung, so im Buch Ester oder in den Makkabäerbüchern. Im Früh- und Hochmittelalter sind die literarischen Quellen sehr aufschlussreich, die u.a. das Motiv des menstruierenden jüdischen Mannes bezeugen. Die Publikationen aus der Zeit der jüdischen Emanzipationsbewegung stellen einen Großteil der Quellen dar. In der Zeit der preußischen Mobilmachung greifen patriotische Schriften jüdischer Soldaten sowie rabbinische Einsegnungspredigten selbst Vorurteile auf. Aber auch soldatische Egodokumente bezeugen verschiedene Ressentiments gegen jüdische Soldaten. Neben Zeitungsberichten dienen amtliche Verordnungen über Verpflegung, Rekrutierung und Beförderungen von Juden als Quellen für Ressentiments im Kriegsgeschehen.

Die Dissertation an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wird von Prof. Dr. Birgit Klein (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg) betreut.

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