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Rebellion und Kooperation als Widerstandsstrategien in Französisch-Westafrika im Ersten Weltkrieg

Von: 
Christian Koller

Französisch-Westafrika, wiewohl nicht direktes Kampfgebiet, wurde vom Ersten Weltkrieg in verschiedener Hinsicht tangiert. Neben der allerdings kaum planmäßig verlaufenden kriegswirtschaftlichen Ausbeutung stand vor allem die Rekrutierung von Truppen für koloniale, aber auch europäische Kriegsschauplätze. Allein auf letzteren kamen ca. 135'000 westafrikanische Soldaten zum Einsatz, von denen offiziell 29'500, gemäß einer inoffiziellen Schätzung jedoch 65'000 ihr Leben verloren.1 Die Zahl der westafrikanischen Bataillone an der Westfront nahm insbesondere in der zweiten Kriegshälfte massiv zu.

Diese Einbindung in den Krieg stieß auf alle möglichen Formen von Widerstand, sie weckte teilweise aber auch Hoffnungen auf eine Besserstellung der Kolonisierten nach Kriegsende und wurde von Segmenten der kolonialen Eliten unterstützt. Ich möchte im Folgenden anhand der französischen Rekrutierungen das komplexe Spektrum von Reaktionen der Kolonisierten auf die Ansprüche der Kolonialmacht analysieren. Ich werde zunächst einige Basisinformationen zu den französischen Rekrutierungen in Westafrika geben, sodann verschiedene Formen individuellen und kollektiven Widerstands vorstellen und eine Strategie des Widerstands durch Kooperation diskutieren und schließlich den Erfolg dieser Widerstandsformen abzuschätzen versuchen.

 

Vorgeschichte und Eckdaten der französischen Rekrutierungen

Bereits seit 1909 war in Frankreich intensiv die Frage diskutiert worden, ob in einem zukünftigen europäischen Krieg auch in größerem Ausmaß Truppen aus Westafrika zum Einsatz kommen sollten. Großer Propagandist dieser Idee war der Kolonialoffizier Charles Mangin, der in einem Buch sowie in zahlreichen Artikeln für sein Projekt einer "armée noire" warb, unter anderem mit dem Argument, Schwarze seien aufgrund ihres unterentwickelten Nervensystems als Sturmtruppen auf den Gefechtsfeldern moderner Kriege besonders gut geeignet. 1910 bereiste eine vom Generalstab der französischen Armee eingesetzte und von Mangin geleitete Kommission Westafrika und kam dabei zum Schluss, dass jährlich 40'000 Mann für eine Dienstzeit von fünf Jahren rekrutiert werden könnten. Ein Dekret vom 7. Februar 1912 ermöglichte die Zwangsverpflichtung von Westafrikanern zum Militärdienst, sofern die Zahl der Freiwilligen als zu tief erachtet wurde. Gleichzeitig verpflichtete es die westafrikanischen Soldaten, im Notfall auch außerhalb ihrer Heimat zu dienen.

Bei Kriegsausbruch standen in Französisch-Westafrika und in Französisch-Äquatorialafrika je 15'000 schwarze Soldaten unter Waffen. Schon im August 1914 wurden davon zehn Bataillone und vier Batterien nach Europa verschifft. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um Westafrikaner, die, obwohl bei weitem nicht alle aus dem Senegal stammend, "Tirailleurs Sénégalais" genannt wurden. Schon im September 1914 wurden die ersten westafrikanischen Verbände in der Picardie eingesetzt. Im Oktober und November erlitten Einheiten der "Tirailleurs Sénégalais" an der Yser katastrophale Verluste. Im April 1915 gelangten die westafrikanischen Truppen bei der Dardanellenexpedition zum Einsatz; im Jahre 1916 kämpften "Tirailleurs Sénégalais" auf dem Balkan und an der Westfront, besonders bei Verdun und an der Somme. Im April 1917 kamen bei der gescheiterten Nivelle-Offensive in der Champagne 45 Prozent der eingesetzten Westafrikaner ums Leben. Ab 1917 bekundete die französische Armee zunehmend Mühe, ihre enormen Verluste durch die Mobilisierung von Reserven zu kompensieren. Es vermag deshalb kaum zu erstaunen, dass die Zahl der westafrikanischen Bataillone an der Westfront von 17 im Jahre 1916 über 41 im Jahr darauf auf 92 im letzten Kriegsjahr erhöht wurde.2

Noch im August 1914 hatte William Ponty, Generalgouverneur von Französisch-Westafrika, gegenüber den eher zögerlichen Behörden in Paris behauptet, "l'enthousiasme serait extrême si [les] populations étaient informées que les indigènes sont admis à l'honneur de se battre en France".3 Diese Ansicht erwies sich aber rasch als Trugschluss. Aufgrund der geringen Zahl von Freiwilligen griffen die französischen Behörden immer stärker zum Mittel der Zwangsrekrutierung. Sie bedienten sich dabei verschiedener Methoden, um bei den Aushebungsmissionen genügend Männer vorzufinden. Weit verbreitet war die Praxis, von den lokalen afrikanischen Würdenträgern unter Androhung schwerwiegender Konsequenzen die Bereitstellung entsprechender Kontingente zu verlangen. Dies hatte zur Folge, dass die Rekruten überproportional aus den dörflichen Unterschichten und vor allem aus der Schicht der Haussklaven stammten. Nur in Regionen, wo präkoloniale Traditionen eines aristokratischen Kriegertums überlebt hatten, waren auch die jüngeren Söhne aus den Oberschichten unter den Rekruten stark vertreten.

Zuweilen vertrauten die Franzosen aber nicht auf die mehr oder weniger erzwungene Loyalität der afrikanischen Eliten und beschafften sich die Rekruten mittels Gefangennahme durch bewaffneten Angriff auf die Dörfer. Die Rekrutierungen wurden zu einer eigentlichen "chasse à l'homme". Aufgrund der Behandlung durch die Kolonialherren zirkulierten sogar Gerüchte, die rekrutierten Männer würden in Wirklichkeit in die Sklaverei abgeführt. Selbst bei den zivilen Kolonialbehörden stießen diese Praktiken der Militärs bereits 1915 auf Opposition.

 

Individueller und kollektiver Widerstand

Tatsächlich waren die Rekrutierungen in weiten Teilen der Bevölkerung nicht nur äußerst unbeliebt, die französischen Rekrutierungsbehörden stießen auch auf zahlreiche Formen von Widerstand sowohl individueller als auch kollektiver Art.4 An Orten, wo die Bereitstellung von Rekruten den einheimischen Eliten überlassen wurde, war Bestechung weit verbreitet. Viele entzogen sich dem Aushebungsprozedere, indem sie vor den Rekrutierungskommissionen aus ihren Dörfern in unwegsames Gelände flüchteten oder sogar in benachbarte Länder, wo sie vor dem Zugriff der französischen Behörden sicher waren, so ins unabhängige Liberia, in die britischen Kolonien Gambia und Goldküste oder nach Portugiesisch-Guinea. Die kriegsbedingte westafrikanische Binnenmigration nahm nicht zuletzt aufgrund dieser Fluchten enorme Ausmaße an. Allein aus dem Senegal flohen mindestens 15'000 Mann.

Diejenigen, die sich der Aushebungskommission nicht entziehen konnten, versuchten häufig, mit verschiedenen Mitteln Krankheiten und Behinderungen vorzutäuschen, um die medizinische Untersuchung nicht zu bestehen. Auch Fälle von Selbstverstümmelung kamen vor. Unter denjenigen, die von der Aushebungskommission für kriegsdiensttauglich befunden wurden, versuchten viele, vor dem Transport in die Fremde zu desertieren. Andere wussten kein anderes Mittel, als sich durch Suizid dem Kriegseinsatz zu entziehen. Bei den Soldaten, die tatsächlich in Europa eintrafen, war dann allerdings die Desertionsrate, wohl auch aufgrund der geringen Change, unentdeckt zu bleiben, niedrig.

Diese Formen individuellen Widerstands richteten sich primär gegen die Rekrutierungen und können höchstens mittelbar als antikolonial motiviert betrachtet werden. Genauer zu untersuchen wäre, inwiefern sich etwa die Flüchtlinge außer dem Zugriff der Franzosen auch den lokalen Gemeinschaften zu entziehen versuchten, in denen sie oftmals eine zurückgesetzte Stellung einnahmen. Schwierig ist auch abzuschätzen, inwiefern diese Widerstandshandlungen direkt in der Tradition von Widerstand gegen den immer noch im kollektiven Gedächtnis präsenten transatlantischen Sklavenhandel standen.

Neben dem individuellen Widerstand gab es aber auch Formen kollektiver, gar bewaffneter Resistenz. Verschiedentlich versuchten Dörfer, sich gegen den auf die Gefangennahme junger Männer abzielenden Zugriff der französischen Rekrutierungsmissionen zu wehren. Und wie in Algerien, wo der Widerstand gegen die französische Rekrutierungspolitik im Winter 1916/17 in einem großen Aufstand im südlichen Constantinois gipfelte, kam es auch in Westafrika zu regelrechten Rebellionen gegen die Kolonialmacht. Eine Revolte in Bélédougou im Jahre 1915 richtete sich ganz eindeutig gegen die Rekrutierung, und bei mehreren Rebellionen im Norden von Dahomey in den Jahren 1916 und 1917 war die Rekrutierung zumindest ein wichtiger Auslösefaktor.

Auch bei einem großen Aufstand in Westvolta von 1915/16 spielten die Rekrutierungen eine wesentliche Rolle. Die Region Bobo-Dioulasso war erst 1904 von der Kolonialmacht "befriedet" worden. Nach Kriegsausbruch wurden die meisten französischen Truppen aus der Region abgezogen; die Kolonialmacht beruhte nun vornehmlich auf den von den Franzosen eingesetzten, zumeist landesfremden Chefs sowie auf einheimischen Truppen. Bereits Ende 1914 kam es in mehreren Dörfern zu Rebellionen, die sich 1915 ausweiteten. Dabei wurde etwa der Aufstand der Bwaba, die kurz vor der Jahrhundertwende von den Franzosen unterworfen worden waren, eindeutig durch die französischen Rekrutierungspraktiken ausgelöst. Die Rekrutierungsbehörden nahmen in den Dörfern jeweils alle altersmäßig passenden Männer fest mit Ausnahme der Angehörigen des Chefs. Bei unverzüglicher Zahlung von 5 Silberfrancs, einer enormen Summe, wurden potentielle Rekruten wieder freigelassen. Auf dem Weg ins Hauptquartier kostete der Freikauf dann bereits 10, nach der Ankunft im Hauptquartier bis zur offiziellen Musterung 15 Silberfrancs.

Am 17. November 1915 wurde bekannt, dass die Einwohner von Bouna sich den Rekrutierungen widersetzten und die Nachbardörfer aufgerufen hatten, sich ihnen anzuschließen. Die eintreffenden französischen Beamten wurden mit Gewehrsalven begrüßt, und wenig später befanden sich bereits zehn Dörfer im Aufstand. Eine erste Attacke französischer Truppen wurde am 19. November erfolgreich abgewehrt. Bei einem neuen Angriff zwei Tage später wurde zwar die Hälfte von Bouna in Schutt und Asche gelegt, die Franzosen mussten jedoch abermals zurückweichen. Am 25. November betrug die Zahl der Aufständischen bereits etwa 30'000 Menschen. Die Rebellion weitete sich nun immer mehr aus. Erst im August 1916 gelang es den französischen Truppen nach zahlreichen Gefechten und der Zerstörung verschiedener Dörfer, wieder Herr der Lage zu werden. Viele der gefangen genommenen Aufständischen hungerten sich in der Folge zu Tode oder begingen Selbstmord.

Diese kollektiven Widerstandsformen richteten sich einerseits gegen die französischen Rekrutierungen und sind insofern etwa vergleichbar mit den spontanen Revolten und Aufständen der Landbevölkerung und der städtischen Arbeiterschaft gegen die Einberufungen, die Requirierung von Pferden und die Preissteigerungen bei Kriegsbeginn in Russland. Darüber hinaus waren sie aber auch Rebellionen gegen die französische Kolonialherrschaft an sich und standen teilweise in direkter Kontinuität zum Widerstand gegen die Durchsetzung französischer Herrschaftsansprüche, der teilweise erst ein gutes Jahrzehnt zuvor gebrochen worden war. Festzuhalten gilt es auch für den kollektiven Widerstand, dass sich dieser auf Handlungen in Westafrika beschränkte. An den großen Meutereien an der Westfront, von denen die französische Armee im Frühjahr 1917 heimgesucht wurde, waren koloniale Einheiten dagegen kaum beteiligt.

 

Kooperation als Widerstandsform?

Aufgrund des mannigfachen Widerstands gegen die Rekrutierungen spitzte sich in der zweiten Kriegshälfte der Konflikt zwischen den zivilen Kolonialbehörden in Französisch-Westafrika und dem Militärapparat zu. Im Jahre 1917 wandte sich der neue Generalgouverneur Jost Van Vollenhoven vehement gegen weitere Rekrutierungen. Er betonte die Priorität der ökonomischen vor der militärischen "mise en valeur" Französisch-Westafrikas: "Cet empire africain qui est pauvre en hommes est riche en produits, laissez-lui sa misérable population pour le ravitaillement pendant la guerre et pour l'après-guerre! Pour tirer de ce pays-ci encore quelques milliers d'hommes on le mettra à feu et à sang et on le ruinera." Als zweites wies Van Vollenhoven auf die Widerstände gegen die Rekrutierungen hin:

"La base du recrutement de l'Armée noire par engagement est une utopie; son auteur s'est trompé, les faits l'ont prouvé d'une façon tellement écrasante que la discussion n'est plus permise [...]. Le recrutement dès le début de la guerre, devint une chasse à l'homme [...]. Les résultats des recrutements [...] [ont été] une impopularité qui est devenue universelle depuis le jour où les recrues ont été appelées à servir en Europe [...] et des révoltes tenaces, déterminées, terribles contre le Blanc jusqu'alors toléré, parfois même aimé, mais qui en se transformant en agent recruteur était devenu l'ennemi détesté, l'émule des chasseurs d'esclaves qu'il avait lui-même réduits à merci et auxquels il se substituait désormais."5

Im September 1917 erreichte Van Vollenhoven einen vorübergehenden Rekrutierungsstopp für Westafrika.

Im Januar 1918 diskutierte die französische Regierung die Frage der Rekrutierung von weiteren Truppen in Afrika erneut. Es wurde beschlossen, dass Französisch-Westafrika und Algerien noch einmal je 50'000 Mann an die Westfront zu entsenden hätten. Die Kolonialbehörden nahmen von diesem Beschluss mit Empörung Kenntnis. Van Vollenhoven selbst trat verbittert von seinem Amt als Generalgouverneur zurück und meldete sich an die Front, wo er im Juli 1918 ums Leben kam.

Allerdings sollte es nun nicht mehr zu einer "chasse à l'homme" kommen. Zur Durchführung der Rekrutierungen in Westafrika ernannte die französische Regierung Blaise Diagne zum "Commissaire de la République dans l'Ouest Africain" mit den Vollmachten eines Generalgouverneurs. Damit erlangte erstmals ein Afrikaner eine Position, aus der er gegenüber der Kolonialverwaltung weit reichende Weisungsbefugnisse ausüben konnte, was vor dem Krieg völlig undenkbar gewesen wäre.6

Diagne gehörte zur privilegierten Gruppe der "originaires" aus den vier "communes de plein exercice" (Dakar, St. Louis, Gorée, Rufisque). Die "originaires" hatten einen Status, der sie zwischen den französischen Bürgern einerseits und den politisch rechtlosen "sujets" auf dem Lande andererseits positionierte. Unter anderem besaßen sie das aktive und passive Wahlrecht – Diagne war 1914 als erster Schwarzafrikaner in die französische Nationalversammlung gewählt worden. Der Kriegseinsatz war für die "originaires" ein Mittel, die Bestrebungen der Kolonialfranzosen, ihren Status demjenigen der "sujets" anzunähern, zu konterkarieren und das volle Bürgerrecht zu erlangen. 1915 war auf Betreiben Diagnes ein Gesetz erlassen worden, dass die Militärdienstpflicht der "originaires" einführte; im Gegenzug erfolgte 1916 die Gewährung des vollen französischen Bürgerrechts.

Dieselbe Strategie versuchte Diagne 1918 erneut, diesmal mit dem Ziel, die Staatsbürgerschaft für alle Bewohner des Senegal zu erlangen. Mit einem Tross tourte er durch Französisch-Westafrika und warb in Massenversammlungen mit dem Argument, es gehe darum, durch den Kriegseinsatz mehr Rechte für die Afrikaner zu erlangen, für den Eintritt in die Armee. In Bezug auf die Rekrutierungszahlen war seine Mission ein voller Erfolg. Im September 1918 konnte er die Rekrutierung von 77'000 Soldaten nach Paris melden; damit waren alle Erwartungen bei weitem übertroffen worden. Hingegen ließ sich das Ziel einer massiven Ausweitung des französischen Bürgerrechts in Westafrika nicht realisieren.

Diagnes Ansatz war insgesamt also ein vollständig anderer als bei den zuvor diskutierten Widerstandshandlungen, gleichwohl zielte auch seine Strategie auf eine Veränderung der kolonialen Situation ab, allerdings im reformistischen Sinne. Durch eine Massenmobilisierung von Westafrikanern für den Kriegsdienst wollte er ein Bündnis mit den maßgebenden Kreisen in der Metropole gegen die segregationistischen Tendenzen der Kolonialfranzosen schmieden. Mutatis mutandis ähnelte seine Strategie stark derjenigen des afro-amerikanischen Führers W. E. B. Du Bois im Ersten Weltkrieg; die beiden lernten sich indessen erst 1919 auf dem ersten Pan-Afrikanischen Kongress in Paris kennen.

 

Folgen

Weder die Aufstände gegen die Rekrutierungen noch Diagnes Reformstrategie, die bald als "Diagnisme" bezeichnet wurde, änderten viel an der kolonialen Situation in Französisch-Westafrika. Die 1920er Jahre waren gekennzeichnet von der Kooptation einheimischer Eliten, unter anderem auch Diagnes, in die koloniale Herrschaftsstruktur, aber auch von einer intensivierten (partei-)politischen Betätigung in einigen Kolonien Westafrikas. In der Erinnerung der Zeitgenossen blieben die Effekte des Weltkrieges auf die weitere koloniale Geschichte Westafrikas denn auch ambivalent.

Dank der Oral-History-Forschungen von Joe Lunn sind wir über die Erinnerung einer größeren Zahl westafrikanischer Kriegsveteranen informiert.7 Lunn führte 1982/83 mit 85 Veteranen und anderen Zeitzeugen Interviews und konnte damit gut die Hälfte der damals noch lebenden senegalesischen Veteranen befragen. Er konnte dabei zeigen, dass bezüglich der Bedeutung, die die Veteranen ihrem Kriegseinsatz für die eigene Biographie wie auch die politische Entwicklung zumaßen, keine Uniformität bestand. Vielmehr lassen sich grob drei Kategorien feststellen. Eine erste Gruppe von Veteranen vertrat die Ansicht, der Krieg habe keine wichtigen Veränderungen bewirkt und man habe 1918 im Wesentlichen dort weitergemacht, wo man 1914 aufgehört hatte. Eine zweite Gruppe dagegen betonte, verschiedene wichtige Veränderungen seien erst durch den Kriegseinsatz möglich geworden, und glaubte einen Kausalzusammenhang zwischen der Kriegsteilnahme und der späteren Unabhängigkeit 1960 erblicken zu können. Einige Veteranen schließlich mochten sich weder der ersten noch der zweiten Gruppe anschließen und verweigerten eine Aussage zu dieser Problematik.

Interessant ist nun, dass Lunn zumindest für die beiden ersten Gruppen die Erinnerungsmuster bis zu einem gewissen Grad auf die Umstände der Rekrutierung zurückführen konnte. Die Gruppe derjenigen, die dem Kriegseinsatz keine verändernde Wirkung zuschreiben wollten, konstituierte sich aus Veteranen, die zwischen 1914 und 1917 rekrutiert worden waren. Die Erfahrung dieser mit Gewalt vorgenommenen und mit den verschiedensten Formen von Widerstand beantworteten Rekrutierungen wie auch des nachfolgenden jahrelangen Kriegseinsatzes hatte sich offenbar zu stark ins individuelle Gedächtnis eingegraben, als dass diese Veteranen dem Krieg im Rückblick etwas Positives abzugewinnen vermochten. Die Gruppe von Veteranen, die dem Krieg in einer weiteren Perspektive einen Sinn zubilligten, war signifikant anders zusammengesetzt. Hier dominierten die privilegierten "originaires" sowie die erst 1918 Rekrutierten. Von den zwischen 1914 und 1917 Rekrutierten neigte nur etwa ein Viertel zu dieser Gruppe. Offensichtlich prägten also die Umstände ihrer Rekrutierung die Ansichten der Veteranen über den Krieg und die Kolonialmacht für das ganze Leben.

 

Fazit

Insgesamt zeigt das westafrikanische Beispiel eine ganze Palette von Widerstandsformen individueller und kollektiver Art, die bis hin zu bewaffneten Rebellionen reichten. Letztere standen in der Tradition des Widerstandes gegen die Eroberung und administrative Erfassung durch die Kolonialmacht. Zwar erreichten sie, dass die Rekrutierungen 1917 vorübergehend gestoppt und dann in stark veränderter Form wieder aufgenommen wurden, einen grundlegenden Wandel der Situation in Westafrika vermochten sie indessen nicht einzuleiten. Es gab aber die Strategie der auf Veränderung abzielenden Kooperation mit der Kolonialmacht. Während die lokalen und regionalen Chefs, die ihren Status der Kolonialmacht verdankten, durch die Kollaboration in der Rekrutierungsfrage den Status quo zu zementieren trachteten, sahen Teile der am stärksten europäisch gebildeten und politisierten urbanen Eliten im Krieg eine Chance zu Reformen des Kolonialregimes, wobei sie im Grunde nichts anderes taten, als sich auf die französische Kolonialdoktrin der "assimilation" zu berufen. Auch dieser Strategie war letztlich wenig unmittelbarer Erfolg beschieden.

 

  • 1. Edouard de Martonne, La Vérité sur les Tirailleurs Sénégalais. In: Outre-Mer 7 (1935), S. 27-45, hier: 41.
  • 2. Vgl. generell dazu Marc Michel, L'appel à l'Afrique. Contributions et réactions à l'effort de guerre en A.O.F., Paris 1982.
  • 3. Archives Nationales (Paris), Section Outre-Mer, Tél. arrivées, 1914, Ponty an Doumergue, 27.8, zit. nach Michel, Appel (wie Anm. 2), S. 43.
  • 4. Vgl. für das Folgende: Michel, Appel (wie Anm. 2), S. 50-57, 100-116, 118-120 und 127-130; A. I. Asiwaju, Migration as Revolt. The Example of the Ivory Coast and the Upper Volta before 1945. In: Journal of African History 27 (1976), S. 577-594; Luc Garcia, Les mouvements de résistance au Dahomey (1914–1917). In: Cahiers d'Etudes Africaines 10 (1970), S.144-178; R. W. Johnson und Anne Summes, World War I. Conscription und Social Change in Guinea. In: Journal of African History 19 (1978), S. 25-38; Hélène D’Almeida-Topor, Les populations dahoméens et le recrutement militaire pendant la première guerre mondiale. In: Revue française d'histoire d'outre-mer 60 (1973), S.196-241; Jean Hébert, Révoltes en Haute Volta de 1914 à 1918. In: Notes et Documents voltaïques 3 (1970), S. 3-54.
  • 5. Archives Nationales (Dakar) 4 D 73/40, Van Vollenhoven an Maginot, 20.7.1917, S.11-13, zit. nach Michel, Appel (wie Anm. 2), S. 132f.
  • 6. Vgl. Werner Glinga, Ein koloniales Paradoxon. Blaise Diagne und die Rekrutierungsmission 1918. In: Jànos Riesz/Joachim Schultz (Hrsg.), "Tirailleurs sénégalais". Zur bildlichen und literarischen Darstellung afrikanischer Soldaten im Dienste Frankreichs, Frankfurt a.M. u.a. 1989, S. 21-37.
  • 7. Joe Harris Lunn, Memoirs of the Maelstrom. A Senegalese Oral History of the First World War, Portsmouth u.a. 1999.
Wencke Meteling

Zitierempfehlung

Christian Koller, Rebellion und Kooperation als Widerstandsstrategien in Französisch-Westafrika im Ersten Weltkrieg, in: Portal Militärgeschichte, 22. April 2013, URL: http://portal-militaergeschichte.de/koller_rebellion. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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