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Der Kampf um die Schweizer Armee 1966-2003

(Zwei Dissertationsprojekte)
Von: 
Marc Lutz, Christoph Wyniger

Der „Kampf“ um die Ausgestaltung von Armee, Militär und Landesverteidigung findet in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert statt. Aufgrund ihres Charakters als Milizarmee, in der über Jahrzehnte praktisch die gesamte männliche Bevölkerung wehrpflichtig war, stand die Schweizer Armee oft im Zentrum von öffentlichen gesellschaftspolitischen Debatten. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wird beabsichtigt, die Auseinandersetzungen und Debatten um die Schweizer Armee zwischen 1966 und 2003 anhand ihrer zentralen Themen und Akteursgruppen zu erfassen und zu analysieren.

Dabei wird angestrebt, die komplexe Akteursstruktur des schweizerischen militärisch-politischen Systems sowie die medialen und sprachlichen Repräsentationsebenen dieses Kampfes um die Schweizer Armee herauszuarbeiten. Untersucht werden soll primär die externe öffentliche Auseinandersetzung und nur ergänzend die interne militärische. Der Fokus liegt dabei auf der Akteursebene und der Frage, zu welchem Thema sich welche Akteure zu Koalitionen formierten und im militärischen und öffentlichen Umfeld agierten. Besonders ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass im Untersuchungszeitraum durch das Schweizer Milizsystem eine enge personale Überlagerung zwischen „Militär“, „Politik“ und „Medien“ bestand, was zu Interessensüberschneidungen und gegenseitiger Beeinflussung führte.

Die Untersuchung setzt 1966 ein. Mit der „Konzeption der militärischen Landesverteidigung“ vom 6.6.66 war ein langjähriger militärinterner Konzeptionsstreit mit einem tragfähigen Kompromiss zwischen „operativen Siegern“ und „hinhaltenden Widerstandkämpfern“ beigelegt worden. Mitnichten beigelegt war damit aber die öffentliche Debatte um die Schweizer Armee. Zunehmend begannen Rekruten und Soldaten die ihrer Meinung nach nicht mehr zeitgemässe Ausbildung in der Armee zu kritisieren. Bis in die Mitte der 1970er Jahre hielt diese ins Militär übergreifende Protestbewegung der 68er Jugend an. Ab Anfang der 1980er Jahre lässt sich eine Verschärfung der Armeedebatte hin zu einer radikalen Ablehnung beobachten. Von der 1982 im Umfeld der Friedens- und Jugendbewegung gegründeten Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GsoA) wird das eigentlich Undenkbare gefordert: die Abschaffung der Armee. Eine wahre Kaskade von armeepolitischen Volksinitiativen fand mit einer von der GSoA lancierten „Eidgenössischen Volksinitiative für eine Schweiz ohne Armee und eine umfassende Friedenspolitik“ im November 1989 ihren Höhepunkt, welche einen in dieser Höhe weder von Befürwortern noch Gegnern erwarteten Zuspruch von einem Drittel der Abstimmenden erzielte. Trotz des eigentlich klaren Verdikts des Souveräns verlor durch jene Armeeabschaffungsinitiative die Armee ihren Status als „heilige Kuh“, eine Metapher, die übrigens im Abstimmungskampf im Aufruf: „Schlachten wir die heilige Kuh“ ihren Niederschlag fand.Ab 1990 zwangen die strategische Wende sowie demographische Veränderungen zu Restrukturierungsmassnahmen in der Armee. Dies bewirkte eine programmatische Verschiebung der Armeedebatte und ein Renversement des fronts in der Armeekritik. Neben der traditionellen linken Armeekritik entwickelte sich eine national-konservative Opposition gegen diverse Armeereformprojekte. Den Abschluss des Untersuchungszeitraums bildet die Zustimmung des Schweizer Volkes zu einer grossen Armeereform (Armee XXI) im Jahre 2003.

Die komplexe Akteursstruktur soll mit Hilfe eines Ansatzes ausgearbeitet werden, welcher es erlaubt, themenspezifische Koalitionen nachzuzeichnen. Die Protagonisten lassen sich in verschiedenen Akteurskreisen verorten: Militärkreise, Politikkreise, Medienkreise sowie Aussenseiterkreise, welche sich wiederum in Reformkreise, Armeekritiker, Armeeabschaffungs- und Traditionalistenkreise unterteilen lassen. Mit dieser Unterteilung wird bezweckt, die an der Debatte teilnehmenden Akteure und deren Argumentations- und Koalitionsstrategien fassbar zu machen. Das Arenenmodell von Hanspeter Kriesi erlaubt es, den Debattengegenständen und den entsprechenden Akteurskoalitionen Arenen zuzuweisen, woraus sich die Auswahl der jeweiligen Quellen ergibt. Die medialen und sprachlichen Repräsentationsebenen sollen aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive untersucht werden. Dabei wird beabsichtigt mit Stereotyp-, Metaphern- und Performanzansätzen zu arbeiten. Ausserdem darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Armee aufgrund ihrer Ausgestaltung einen skandalgünstigen Sonderfall darstellt. Mit Hilfe des Skandalbegriffes sollen Argumente und Argumentationsmuster auch daraufhin untersucht werden, inwiefern sich die jeweiligen Akteure und Akteursgruppen der Skandalisierung bedienten.

Im Rahmen dieses, vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten, Forschungsprojektes entstehen zwei Dissertationen, die jeweils verschiedene Zeiträume (1966-1989 bzw. 1990-2003) untersuchen und von Prof. Dr. Rudolf Jaun, Universität Zürich und Militärakademie an der ETH Zürich, betreut werden.

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Zitierempfehlung

Marc Lutz, Christoph Wyniger, Der Kampf um die Schweizer Armee 1966-2003. (Zwei Dissertationsprojekte), in: Portal Militärgeschichte, 13. Januar 2012, URL: http://portal-militaergeschichte.de/node/9. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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