Martin Schröder

Forschungen zur Militärlogistik sind in der deutschsprachigen Militärhistoriographie immer noch rar, weshalb Fragen nach der organisatorisch-materiellen Voraussetzungen von Feldzügen weitgehend unbeantwortet sind. Dabei bietet die neue Militärgeschichte vielversprechende Wege für die Logistikforschung, um sich gerade den Berührungsflächen des Militärischen mit Gesellschaften zu nähern. Mit seiner Studie zur preußischen Logistik während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) schlägt Marcus Warnke jedoch einen gänzlich anderen Weg ein.

Warnkes eigene Zielsetzung, die „schier unglaublich anmutende Leistung des Königs, seiner Armee und seines Staates“ (22) zu erklären, mag im Zusammenspiel mit dem innovativen Fokus auf technische, wirtschaftliche und alltagsgeschichtliche Bedingungen für den Feldzug von 1757 noch schlüssig erscheinen. Doch seine Suche nach Bedingungen zum „Sieg oder zur Niederlage der jeweiligen Konfliktparteien“ (30) und sein Bestreben, diesen Fokus zur conditio sine qua non seiner Arbeit und sogar der Militärgeschichte generell zu machen (23, 30), muss kritisch hinterfragt werden.

Sollte sämtliches militärhistorisches Forschen auf die Bedingungen von Sieg oder Niederlage ausgerichtet werden, drängen sich Zweifel auf, ob es sich dabei nicht eher um eine kriegsgeschichtliche oder gar kriegskundliche Fragestellung handelt. Methodisch verknüpft Warnke dabei Operations- und Logistikgeschichte auf eine strukturgeschichtliche Weise (32), was als vielversprechend erscheint. Operationsgeschichte, mit sozial- und kulturgeschichtlichen Herangehensweisen zu erforschen, ist möglich und zudem notwendig, um vergangenes Gewalthandeln angemessen zu erklären.[1]

Unbestritten zeichnet sich die 2015 an der Universität Potsdam als Dissertation eingereichte Untersuchung durch die Einbeziehung kaum wahrgenommener Quellen aus. Wie der Verfasser allerdings mit dem Quellenmaterial verfährt, weckt Zweifel. Deutlich wird dies bei seinen Ausführungen zu den Tabellen der Truppenstärken, die der Autor unkritisch behandelt und „als die besten Quellen zur Feststellung der faktischen Verbandsstärken“ kennzeichnet. (56) An dieser Stelle ein positivistisches Quellenverständnis zu vermuten, wird u. a. durch seine, gemäß „dem Kriterium der Originalquellen“ (24, Fußnote 10) erfolgten Forschungsstandanalyse, oder durch die Wendung „Originalabschriften“ bestärkt. (32) Dem Verfasser selbst kommen angesichts der Zahlenflut aus den Akten Zweifel, „ob eine derart positivistische Darstellung zwingend notwendig ist“ (58). Leider zieht Warnke keine Konsequenzen im Sinne einer reflektierten Quellenkritik daraus. Ergänzend versichert er, dass in den Passagen, in denen er „Originalquellen“ verwende, die „zu 95% faktischer und nicht normativer Art sind.“ (58), deutlich würde, wo zwischen Fakten und Interpretation zu unterscheiden sei.

Neben dem Quellenverständnis dienen dem Autor bei der Betrachtung des Forschungsstandes u.a. zwei Artikel von Bernd Wegner und Sönke Neitzel als Orientierung.[2] Im Fall von Neitzel lässt sich Warnke mit einer Überspitzung von Dennis Showalters Kritik [3] dazu verführen, die Ergebnisse der neuen Militärgeschichte gänzlich in Zweifel zu ziehen, da sie die „zentralen Komponenten der Kriegsführung zu sehr […] marginalisieren und Randphänomenen vergleichsweise einen viel zu hohen Stellenwert“ (30) einräumen würde. Neitzel hatte der Militärgeschichte die Vernachlässigung des Krieges vorgeworfen, jedem methodischen Vorgehen eine Absage erteilt und neue Fragestellungen zum Kampf und den militärischen Operationen als Nukleus des Krieges gefordert.[4] Derart bestärkt, warf Warnke wiederum der neuen Militärgeschichte vor, dass sie „eine Sozial-, Kultur- oder Mentalitätsgeschichte anhand von militärischen Beispielen“ (30) sei, was vom Autor als Ausschlusskriterium von der Militärgeschichte verstanden wird. Sowohl Neitzel als auch Warnke sparten ihrerseits die Abhandlung von Stefan Kroll aus und übersahen damit eine gelungene Untersuchung des Kriegs- und Friedensalltags, die ihre Vorwürfe entkräftet hätte.[5] (29, 689). Zusätzlich missversteht der Autor Wegners Forderung – nach einer eben dieser neuen Militärgeschichte aufgeschlossenen Operationsgeschichte. (30-31) Wegner zufolge hätte die Operationsgeschichte künftig nur einen heuristischen Wert, wenn sie sich den neuen Perspektiven der Militärgeschichte öffne und sich als deren Teil verstünde.[6] Folgt man dieser These und dem Streben Warnkes, sich von der neuen Militärgeschichte abzugrenzen, müsste man den heuristischen Wert der Studie bezweifeln und sie nicht als Teil der Militärgeschichtsschreibung verstehen.

Der Verfasser sieht seine Forschung eher als Fortsetzung von logistisch-operationsgeschichtlichen Untersuchungen der 1970er und 1980er Jahre. Er lehnt sich an den Aufsatz von Othmar Pickl[7] an und bemisst ihn als „hervorragende Orientierung für die Herangehensweise“ (32). Folglich gliedert Warnke seine Arbeit in sechs Teile. Dabei bilden die Abschnitte eins bis drei einführende Kapitel, in denen das Bild der friderizianischen Kriegführung, logistische Elemente wie Verwaltung, Magazine oder das Transportwesen und die Ressourcen im Kampfgebiet dargestellt werden. Die Ausführungen gerade zu den Kernelementen der Logistik beinhalten erkenntnisreiche und mit zahlreichen Übersichten, umfangreichen Quellenauszügen sowie vielen Abbildungen gespickte Passagen. Den Lesenden vermittelt der Autor damit einen facettenreichen Überblick zur preußischen Logistik. Die folgenden Teile bilden das Zentrum der Studie und bezeugen eine, den Zielvorgaben entsprechende, Verzahnung von Logistik- und Operationsgeschichte. Dabei geht der Autor durchweg zweigleisig vor, indem der Preußen und Österreich gegenüberstellt und deren Logistik sowie die Operationen vergleichend analysiert. Diese Fokussierung erlaubt ihm einen detaillierten Abgleich des preußischen und österreichischen Ressourcenmanagements im Hinblick auf die daraufhin ermöglichten Bewegungen im böhmisch-sächsisch-schlesischen Gefechtsraum. In acht Schritten vollzieht Warnke im vierten Kapitel den Feldzug von 1757 chronologisch nach und rekonstruiert geschickt die Korrelationen zwischen Truppenstärken, Nahrungsmittelbedarf, Produktion und Vorräten. Die Eroberung und die Herbeischaffung der Lebensmittel oder der Munition werden von Warnke z.B. bei der misslungenen Belagerung Prags minutiös nachgezeichnet. Ein Grund für das Durchhalten der Belagerten sei der Mangel an Wagen gewesen, die benötigt worden wären, um den angeordneten Lieferungen an die österreichischen Verbände im Umkreis nachzukommen. (311) Aufgrund jenes Zufalles verblieben die Vorräte in Prag und trugen zum Behaupten der Stadt bei. (339)

Im fünften Kapitel steht die Interpretation des Feldzugs im Vordergrund. Darin verfolgt Warnke die Spuren verschiedener Faktoren, wie der Verpflegung, Artillerieeinsatz, Truppenstärken, Lagerung, Transport, Umwelt und das Wetter, die das Gelingen oder Scheitern der Operationen beeinflussten.

Der Erfolg der preußischen Kriegsführung beruhte nach Auffassung des Autors auf drei Säulen. Erstens besaßen die Preußen mit einem effektiveren Transportwesen, basierend auf den Wasserwegen, einen organisatorischen Vorsprung gegenüber der Koalition. (657) Zweitens beeinflussten die politischen Divergenzen zwischen den Koalitionären und Pannen in der Logistik zusammen mit der ungünstigeren Ressourcenverteilung im Raum die Operationen der Gegner Preußens. (657-658) Als dritte Säule kennzeichnet Warnke das Ausnutzen und Verstärken dieser Schwächen durch die preußischen Verbände mittels Magazinvernichtung oder Beschlagnahmung der gegnerischen Vorräte. (658)

Die Dissertation von Marcus Warnke versteht sich selbst nicht als Teil der neuen Militärgeschichte und sollte deshalb auch nicht als solche missverstanden werden. Trotz der immensen Quellenarbeit, die sich der Autor aufbürdete und trotz des innovativen Fokus auf den Konnex zwischen Operations- und Logistikgeschichte, muss die Studie mit Bedacht behandelt werden. Wer nach Antworten auf militärhistorische Fragen sucht, wird hier weniger fündig, bekommt es aber mit einer im Kern kriegsgeschichtlichen Arbeit zu tun, welche die Bedingungen militärischen Erfolges am Beispiel der preußischen Kriegsführung offenlegt und damit militärischen Fragen nachgeht.

 

[1] Vgl. Christian Th. Müller/Matthias Rogg, Bernhard R. Kroener und die deutsche Militärhistoriographie, In: Christian Th. Müller / Matthias Rogg (Hrsg.), Das ist Militärgeschichte! Probleme-Projekte-Perspektiven. Paderborn 2013, S. 22.

[2] Bernd Wegner, Wozu Operationsgeschichte?, In: Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn, Wien u.a. 2000, S. 105-114. Sönke Neitzel, Militärgeschichte ohne Krieg? Eine Standortbestimmung der deutschen Militärgeschichtsschreibung über das Zeitalter der Weltkriege, In: Historische Zeitschrift, Begleithefte 44 (2007), S. 287-308.

[3] Vgl. Dennis Showalter, Militärgeschichte als Operationsgeschichte. Deutsche und amerikanische Paradigmen, In: Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn, Wien u.a. 2000, S. 121.

[4] Vgl. Neitzel, Militärgeschichte ohne Krieg?, S. 293, 295.

[5] Stefan Kroll, Soldaten im 18. Jahrhundert zwischen Friedensalltag und Kriegserfahrung. Lebenswelten und Kultur in der kursächsischen Armee 1728-1796. Paderborn 2006.

[6] Vgl. Wegner, Operationsgeschichte, S. 113.

[7] Othmar Pickl, Nachschub für den großen Türkenkrieg. Der Anteil der Steiermark an den siegreichen Feldzügen der Jahre 1683-1686, In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Steiermark 78 (1977), S. 105-163.

 

Marcus Warnke: Logistik und friderizianische Kriegsführung. Eine Studie zur Verteilung, Mobilisierung und Wirkungsmächtigkeit militärisch relevanter Ressourcen im Siebenjährigen Krieg am Beispiel des Jahres 1757. (= Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, 50). Duncker&Humblot: Berlin 2018, geb. 696 Seiten, 62 Abb., ISBN 9783428153718, 139,90 €.

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Dienstag, 10. September 2019 - 15:46
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Christian Th. Müller