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Die Primärgruppenbindung deutscher Panzersoldaten in literarischen Selbstzeugnissen

Von: 
Pit Stoye
Sowjetunion-Mitte.- Zwei Soldaten mit Fernglas und Karte auf Turm eines Panzer 38 (t) stehend, Panzersoldat neben Rohr sitzend; PK 697, Bundesarchiv Bild 101I-277-0825-11A

Mit der Literatur über Panzerfahrzeuge lassen sich inzwischen Bibliotheken füllen. In der im folgenden skizzierten Arbeit soll der Fokus jedoch abseits von Technik und Einsatz auf die Soldaten gelegt werden, die in und mit Panzern lebten und kämpften. Wie bildeten sich aus Besatzungen Beziehungsgruppen, welche Rolle spielte dabei „der Panzer“ und was bedeutete ein Verlust der Gruppe für den einzelnen Soldaten?

Bei dem im Folgenden skizzierten Konzept handelt es sich um eine Masterthesis im Bereich der Neueren Geschichte, die an der Universität Marburg entsteht. In ihr soll die Verbundenheit von Panzersoldaten untereinander, mit ihren Waffensystemen sowie ihrer Waffengattung anhand literarischer Selbstzeugnisse untersucht werden. Sie fragt danach, wie die ehemaligen Soldaten diese mehrfache Verbundenheit beschreiben und welchen Stellenwert diese Beziehungen für ihre Kriegserlebnisse und –erinnerungen haben. Aus Gründen der Literatur- und Quellenverfügbarkeit beschränkt sich die Untersuchung auf deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften. Dabei sollen als Hauptquellen autobiografisch-retrospektive Werke herangezogen werden, gedruckte Kriegserinnerungen und -tagebücher, die nach den Ereignissen verfasst und/oder vom Autor selbst veröffentlicht wurden. Die Auswahl der Quellen erfolgte unter den Gesichtspunkten der Verfügbarkeit sowie der ihnen zugeschriebenen Deutungsmacht und Rezeptionsbreite, die sie als Zeitzeugendokumente innehaben. Dabei sollen sie keineswegs allein betrachtet werden. Zwar ist die Panzerwaffe bisher nur wenig in den Fokus der Geschichtswissenschaft geraten, aber durch ihre entscheidende Rolle in der Kriegsvorbereitung und -führung und nicht zuletzt durch das kürzlich erschienene Buch Markus Pöhlmanns[1] existiert eine ausreichende Forschungsgrundlage, um die betrachteten Werke in ihren Kontext zu stellen.

Um bei der Untersuchung eine möglichst große Bandbreite an Fallbeispielen abzudecken, ist es unerlässlich, ein großes Sample an autobiografischen Werken zu erfassen und auszuwerten. Bisher wurden etwa ein Dutzend Bücher zu diesem Zweck in die Auswahl aufgenommen. Eine größere Zahl ist wünschenswert, um die vielen möglichen Karrierewege, Einsatzorte und die Diversität der gepanzerten Truppen abzudecken. Hierbei soll nicht allein die Panzerwaffe im engeren Sinne, sondern sollen auch jene Soldaten untersucht werden, die in gepanzerten Fahrzeugen (Sturmgeschützen, Schützen- und Spähpanzerwagen) außerhalb der genuinen Panzertruppe dienten. Dem liegt die Hypothese zu Grunde, dass sich mit Ausnahme des eigentlichen Kampfauftrages der Alltag in den und um die Fahrzeuge nicht signifikant unterschied.

Die Analyse der Beziehungen der Soldaten erfolgt unter den Aspekten der Primärgruppenthese. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass eine Panzerbesatzung als kleine Gruppe von Soldaten, die aufeinander angewiesen sind, am ehesten einer Idealgruppe dieser Theorie entsprechen müsste. Es gilt daher zuerst einmal zu untersuchen, wie lange die Soldaten mit denselben Kameraden in einer Besatzung und Einheit waren, wie sie selbst deren Kohäsion beschreiben und wie sie Abschied oder Verlust bewerten. Dazu werden die militärischen Biografien rekonstruiert, Stehzeiten in Einheiten, soweit möglich, Besatzungen und Brüche zusammengetragen und mit den hierzu getätigten Aussagen der Soldaten abgeglichen.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Verbundenheit der Soldaten zu ihrem Waffensystem. Hierzu werden die Alltäglichkeiten des Umgangs mit dem Gerät, aber auch das geschilderte Erleben im Einsatz betrachtet. Neben der Dauer, die die Soldaten in und mit den Panzerfahrzeugen verbrachten, hat sich bei der bisherigen Recherche beispielsweise der Bruch im Besatzungsgefüge als entscheidend herausgestellt, der mit dem Verlust des Fahrzeuges oft einherging.

Die dritte betrachtete Ebene bildet die Verbundenheit der Soldaten zu ihrer Waffengattung. Hier sind besonders Aussagen und Wertungen über andere Truppenteile, vor allem aber auch die Selbsteinschätzungen von Interesse.

Als statistischer Vergleich zur Kohäsion innerhalb der Einheiten und zur Einordnung der in den Einheiten verbrachten Zeit bietet sich Christoph Rass‘ „Menschenmaterial“[2] an. Zwar ist die Fallzahl in diesem Werk um ein Vielfaches höher als die der hier betrachteten Fälle, jedoch sollte ein Vergleich zwischen den verschiedenen Truppengattungen in Grundzügen möglich sein. Daneben bietet Thomas Kühnes „Kameradschaft“[3] wichtige Ansatzpunkte zur Einordnung der in den Autobiografien getätigten Aussagen zur Kameradschaft und zur Aufdeckung mythisierender Erzählmuster. Für die Mensch-Waffe-Beziehung liegt mit Urte Everts „Die Eisenbraut“[4] eine Studie vor, die die Symbolhaftigkeit der Handfeuerwaffe für den Soldaten betrachtet. Die von Everts verwendeten Methoden und gezogenen Schlüsse lassen sich nicht direkt vom Infanteristen auf den Panzersoldaten übertragen, bieten aber gute Ansätze für die Analyse des dargestellten Lebens in den und um die Panzerfahrzeuge.

 

[1] Markus Pöhlmann: Der Panzer und die Mechanisierung des Krieges – Eine deutsche Geschichte 1890-1945, Paderborn 2016.

[2] Christoph Rass: Menschenmaterial: Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-45, Paderborn 2003.

[3] Thomas Kühne: Kameradschaft – Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert, Göttingen 2006.

[4] Urte Evert: Die Eisenbraut: Symbolgeschichte der militärischen Waffe von 1700 bis 1945, Münster 2015.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Pit Stoye, Die Primärgruppenbindung deutscher Panzersoldaten in literarischen Selbstzeugnissen, in: Portal Militärgeschichte, 20. März 2017, URL: http://portal-militaergeschichte.de/stoye_panzersoldaten. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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