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„The Wehrmacht‘s Last Stand: the German Campaigns of 1944-1945“

Von: 
Pit Stoye
Cover Citino

Mit „The Wehrmacht‘s last Stand: the German campaigns of 1944-1945“ schließt Robert M. Citino seine Reihe über die deutsche Kriegführung ab. Anders als bei seinen beiden vorherigen Werken „Death of the Wehrmacht: The German Campaigns of 1942“ (2007) und „The Wehrmacht Retreats: Fighting a Lost War, 1943“ (2012) wird in diesem dritten Buch ein Zeitraum von fast eineinhalb Jahren beleuchtet. Wie in den beiden Vorgängerbänden liegt der Fokus auch hier auf dem Kampf der deutschen Truppen. Anzumerken ist, dass das Buch nicht nur den Kampf der Wehrmacht behandelt, sondern auch andere bewaffnete Organisationen betrachtet werden. Übersichtlich gegliedert, finden sich nach der Einleitung zehn Kapitel, die jeweils zwischen Ost- und Westfront wechseln und sich an der chronologischen Entwicklung orientieren. Dazu gibt es einen Einschub über das missglückte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

Betrachtet man das Inhaltsverzeichnis, sticht sofort das Fehlen eines Schlusskapitels hervor. Jedoch ist ein solches im klassischen Sinne nicht nötig, der Krieg endet in Deutschland, wo West- und Ostfront zusammentreffen und gleichzeitig gipfelt auch die von Citino angestrebte Darstellung der Wehrmacht in der Person des Generalfeldmarschalls Ferdinand Schörner. In diesem, in der Geschichtsschreibung nahezu vergessenen, Charakter fand sich, so Citino, der Typos des „late-war Nazi general“.

Die vorherigen neun Kapitel dienen dazu, eine einfach klingende These zu untermauern: Nicht die Treue zu Hitler oder der Glaube an den Nationalsozialismus wäre ursächlich für die Standhaftigkeit der Wehrmacht bis zum bitteren Ende, sondern eine ausgeprägte deutsche Kultur der Kriegführung, der „way of war“ des Bewegungskrieges. Diesem seien die Angehörigen der deutschen Streitkräfte seit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg verhaftet gewesen. Entsprechend zieht Citino eine Reihe von Parallelen zwischen diesen Generationen deutscher Soldaten, genauer den Offizieren.

Anders, als am Anfang der Einleitung angestoßen, wird die Frage „What kept the General Staff planning, the commanders commanding, and the soldiers fighting (…)?“ leider letztendlich nur unvollständig beantwortet. Warum die Soldaten ihren Offizieren bei diesem Todesritt, wie der Autor den Ablauf der Ereignisse in Anspielung auf die Schlacht von Mars-la-Tour 1870 nennt, folgten, bleibt offen.

Stattdessen stehen bei Citino das höhere Offizierskorps, sowie Abrisse der wichtigen Operationen im Zentrum der Betrachtung. Neben der Rolle der Feldmarschälle, von denen vor allem Walter Model dem Leser mehrfach begegnet, werden auch einige Korps- sowie wenige Divisions- und Kampfgruppenkommandeure vorgestellt, die bei den Schlachten an zentraler Stelle standen. Dabei werden wiederholt die vom Autor ausgemachten Kernelemente des deutschen „way of war“ und der preußischen Soldatentradition – getrennte Heeresteile, aufeinander abgestimmte konzentrische Angriffe und Durchführung im Rahmen der Auftragstaktik - im Handeln der Offiziere gefunden. Hierbei zeigt Citino, dass nicht zuletzt Hitler einen Anteil daran hatte, die Verfechter der beweglichen Kriegführung gegen Generale auszutauschen, die seiner Direktive vom Kampf um jeden Meter entsprechen konnten. Auch die Kontrahenten in den alliierten Stäben werden im Zuge der Operationsdarstellungen immer wieder vorgestellt, wobei auch sie an den vom Autor genannten Elementen, die er durchgehend in Deutsch benennt, und der Führung des Bewegungskrieges gemessen werden.

Grundlage für die Darstellungen der verschiedenen Schlachten, von den Kämpfen bei Korsun-Tscherkassy, über den alliierten Vormarsch in Italien, die Sommeroffensiven der West- und Ostfront bis hin zu den letzten Kämpfen um das Ruhrgebiet und Berlin, ist eine Vielzahl an Publikationen, zum großen Teil neueren Datums und hauptsächlich aus der Feder englischsprachiger Autoren, dazu finden sich vereinzelt auch Standardwerke in deutscher Sprache. Die sowjetische Seite ist demgegenüber mit Ausnahme weniger biografischer Werke und Fachartikel nicht vertreten. Jeweils am Anfang einer jeden vorgestellten Operation bietet Citino in Form einer langen Anmerkung eine thematisch untergliederte und kommentierte Zusammenfassung der verwendeten Werke.

Zur Ausgestaltung des Bildes der deutschen Offiziere nutzt er vermehrt Werke, die eben jene selbst verfassten. Dabei stehen die scheinbar objektiv und militärwissenschaftlich gehaltenen Werke der Foreign Military Studies neben der reichhaltigen Auswahl an Biografien der Nachkriegszeit. Während er letzteren, vor allem in Bezug auf ihre Meinung über Hitler, Heuchelei und Revisionismus unterstellt, stehen erstere unkommentiert neben modernen Studien, obwohl Entstehungszeit und die Gruppe der Autoren fast identisch sind. Vor allem bei den zur Ausschmückung eingebauten Anekdoten und wortwörtlich wiedergegebenen Aussagen der deutschen Offiziere drängt sich die fehlende Objektivität dieses Umgangs mit den Werken auf. Auf die Verwendung von Archivquellen wurde gänzlich verzichtet, aufgrund des Umfanges der abgedeckten Ereignisse ist dies durchaus nachvollziehbar. Zur Rolle der Offiziere, ihren Aufgaben und ihrer Ausbildung wäre es aber durchaus sinnvoll gewesen, Quellen zur Ausbildung und Gestalt dieser Gruppe aufzunehmen, bildet sie doch den Kern der Argumentation Citinos.

Trotz der inhaltlichen Sprünge des Buches, von Front zu Front, von der Armeegruppen- bis zur Divisionsebene, stockt der Lesefluss nicht. Dem Autor gelingt es, die verschiedenen Ebenen gut zu verknüpfen und die oben genannten Anekdoten und wörtlichen Zitate Beteiligter verhindern, dass die Beschreibungen der Ereignisse zu reinen Aufzählungen verkommen. Hinzu kommen einige spitze Anmerkungen. So merkt Citino beispielsweise an, dass der Bruch des Eides auf Hitler den deutschen Offizieren deutlich schwerer zu fallen schien, als desjenigen den sie zuvor der Weimarer Republik geleistet hatten. Die zur Illustration genutzten Bilder, die an zwei Stellen im Buch konzentriert sind, zeigen deutsche Soldaten und Kriegsgerät auf dem Weg zur Front oder in desolatem Zustand nach den Gefechten. Eine inhaltliche Verknüpfung findet, im Gegensatz zu den 20 vorhandenen Karten, nicht statt. Diese zeigen zumeist große Ausschnitte des Operationsgebietes und stellen die Positionen von Armeen und Korps, sehr selten Divisionen dar. Dem Leser bleibt zur Lokalisierung des beschriebenen Geschehens auf dieser Ebene zumeist nur die Auflistung der zu den Korps gehörenden Divisionen. Erschwert wird dies durch eine mangelhafte Darstellung im Text genannter Orte in den Karten. Hinzu kommt das scheinbar plötzliche Auftauchen von Einheiten, die nachträglich in die Gefechtsordnung aufgenommen wurden oder aufgrund ihrer geringen Größe nicht genannt wurden. So ist es beispielsweise schwer nachvollziehbar, wie angreifende Volksgrenadierdivisionen mechanisierte Angriffe ausführen konnten, wenn eine zugeordnete Panzerbrigade erst später genannt wird.

Zur Beantwortung der gestellten Frage, was die Wehrmacht zum Kampf bis zum bitteren Ende antrieb, ist das Werk nur bedingt geeignet. Zwar deckt er mit der Vorstellung der verschiedenen Operationen und der beteiligten Offiziere eine große Bandbreite an Fallbeispielen ab. Es fehlt jedoch ein Roter Faden, der diese Beispiele in den Kontext des Wandels des Offizierkorps einordnet, welcher mit der Darstellung Schörners als Ideal eines Nazi-Generals endet. Interessante Aspekte, wie die massenhafte Vergabe von finanziellen Zuwendungen an führertreue Offiziere oder der vermehrte Einsatz von Terror gegenüber den eigenen Soldaten, werden nur anhand weniger Beispiele dargestellt. Was die Unterführer und Soldaten davon abhielt, das Kämpfen einzustellen und immer wieder anzutreten, bleibt letztlich unbeantwortet. Es finden sich lediglich einige vereinzelte Andeutungen über eine hohe Kohäsion der Truppen und eine breite Akzeptanz der nationalsozialistischen Ideologie.

Trotz dieser Schwächen bietet „The Wehrmacht‘s last Stand“ einen umfangreichen Überblick über die Kampfhandlungen der letzten eineinhalb Kriegsjahre. Für diese Zeit zeichnet es, noch mehr in Verbindung mit den beiden Vorgängerwerken, ein vielfältiges Bild des deutschen Offizierskorps und fasst hervorragend den aktuellen US-amerikanischen Forschungsstand, sowie die Bestände der Foreign Military Studies zusammen. Zusammen mit Citinos gut lesbaren Stil ist das Werk daher als Einstieg in die Ereignisse, die zum Ende des Krieges in Europa führten, sehr gut geeignet. Für Autoren, die mit der Materie vertraut sind, bietet es überwiegend jedoch wenig neues.

 

Robert M. Citino, The Wehrmacht‘s Last Stand. The German Campaigns of 1944-1945, Lawrence, KS, University Press of Kansas 2017, ISBN 978-0-7006-2494-2, 632 pages Hardback $ 34,95.

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Pit Stoye, „The Wehrmacht‘s Last Stand: the German Campaigns of 1944-1945“, in: Portal Militärgeschichte, 10. September 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/stoye_zu_citino_last_stand. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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