Philipp Vogler

Es ist weitgehend unbekannt, dass nicht nur die Alliierten, sondern auch die nationalsozialistische Luftwaffe in großem Umfang Luftbildaufklärung vor und während ihrer Feldzüge verwendet hat. Doch im Gegensatz zu der alliierten Aufklärung, wie sie im Auswertezentrum, der Allied Central Interpretation Unit durchgeführt wurde, stellt das deutsche Gegenstück nach wie vor ein Desiderat da. Verschiedene Veröffentlichungen zur alliierten Luftbildaufklärung des Weltkrieges verweisen dazu meist nur knapp auf die Gegenseite, oft mit der Absicht, die Leistungen der eigenen Truppe hervorzuheben, ohne jedoch eine detaillierte Quellenanalyse für die deutsche Luftbildaufklärung vorzunehmen.

Abgesehen von wenigen Veröffentlichungen über die deutsche Luftbildaufklärung des Ersten Weltkrieges und entsprechenden Darstellungen für die Entente fehlt es zudem an einer komparativen Studie, die Systeme zweier großer Kriegsparteien in beiden Weltkriegen gegenüberstellt. Hierbei geht es allerdings weniger um einen direkten Vergleich, der sich in Zahlen ausdrücken lässt, sondern darum, wie gut die doch sehr unterschiedlichen Systeme in sich funktionierten. Es können also Aussagen darüber gemacht werden, wie gut sowohl die alliierte als auch die deutsche Luftbildaufklärung die theoretischen Aufgaben in der Praxis umsetzen konnten. Neben den Erfolgsgeschichten sind hier vor allem die Mißerfolgsgeschichten besonders interessant, da man hier genauer untersuchen kann, warum etwas nicht funktionierte und Probleme nicht gelöst oder Ziele erreicht oder eben nicht erreicht wurden.

Die hier vorgestellte Geschichte der deutschen militärischen Luftbildaufklärung ist eine Technikgeschichte, die jedoch nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern aus einer konstruktivistischen Sicht die Frage stellt, warum und auf welche Weise das Luftbildwesen zur militärischen Verwendung kam. Für welche Probleme bot sie eine Lösung?

Für erfolgreiche Luftbildverwendung zu militärischen Zwecken bedurfte es zunächst der technischen Voraussetzungen. Die Wurzeln hierfür liegen in der Geschichte der Photographie und der Luftfahrt, kombiniert mit der vor allem von Geographen genutzten Auswertetechnik der Photogrammetrie, also Bildmessung. Diese drei Entwicklungslinien liefen bereits vor Beginn des Ersten Weltkriegs in einem relativ kurzen Zeitraum im deutschen und britischen Militär zusammen und bildeten so eine erste Adaption der neuen Aufklärungsoptionen. Diese Möglichkeiten mussten jedoch erst in das militärische System integriert, Nachschub und Ausbildung organisiert und taktische bzw. operative und strategische Vorgehensweisen und Erwägungen in Vorschriften verankert werden. Hierbei trug der Wechsel zum nahezu stationären Grabenkrieg an der Westfront bei, der einen neuen Kampfraum schuf. Die Beobachtung und Auswertung dieses im Hinblick auf den Informationsgehalt hoch verdichteten Kampfraumes ließ die Augenbeobachtung an ihre Grenzen stoßen. Hier konnte die im Bewegungskrieg meist zu zeitaufwändige Luftbildauswertung Abhilfe schaffen. Kontinuierlich wurden daher deren Technologie, Organisation und Anwendung während des Ersten Weltkrieges auf beiden Seiten weiterentwickelt.

Bei der Integration des Luftbildwesens in das Militär hatten sowohl Großbritannien als auch das Kaiserreich zunächst vor ähnlichen Problemen gestanden, die folglich auch auf ganz ähnliche Weise gelöst worden waren. In der Zwischenkriegszeit änderte sich dies jedoch, da die äußeren Faktoren wie etwa die Regelungen des Versaillers Vertrages hinsichtlich des Verbots des militärischen Flugwesens in Deutschland oder die innerbritischen Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit und Rolle der R.A.F. nun neue Bedingungen schufen. Ergänzt wurde dies durch grundsätzliche Überlegungen zur künftigen Strategie, beispielsweise der deutschen Luftkriegskonzeption des Zweiten Weltkrieges, die auf einen operativen Einsatz zur Heeresunterstützung setzte, da das Heer aufgrund der geostrategischen Lage die Hauptlast künftiger Kriege zu schultern hätte. Dieses Konzept wirkte sich stark auf die technische Weiterentwicklung und die Stellung der Luftbildaufklärung im deutschen Militär aus. Auf britischer Seite war man bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zunächst mit einer nachrichtendienstlichen Problematik, der Beschaffung von Informationen über das Dritte Reich hinsichtlich Wirtschaft und Militär, konfrontiert. Hier konnte gerade in den ersten Kriegsmonaten die Luftbildaufklärung, die illegaler Weise im Geheimen bereits in den 1930er Jahren begonnen hatte, Abhilfe schaffen. Darin lag die Wurzel der später zentralisierten Luftbildauswertung in der A.C.I.U., die wesentlich den strategischen Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich mitgestaltet hatte. Im umgekehrten Fall klafft genau hier eine Forschungslücke hinsichtlich der Wehrmacht und ihrer Nah- und Fernaufklärung. Wie effektiv hatte sie funktioniert? Aus welchen Gründen war deren Effektivität möglicherweise beschränkt? Dies sind zwei weitere zentrale Fragen der hier vorgestellten Dissertation.

Die Geschichte der militärischen Luftbildphotographie ist gleichzeitig ein Beispiel für die seit der Vorzeit des Ersten Weltkrieges bestehenden und stetig wachsenden Netzwerke, in denen die Interessen von Zivilisten aus Wirtschaft und Forschung wie auch von Militärs in Berührung kamen. Gerade die persönlichen und institutionellen Zusammenhänge und Kontinuitäten dieser Begegnungsräume von Militär, Wissenschaft und Wirtschaft waren für die Entwicklungsgeschichte von höchster Bedeutung und sind andererseits, wie das gesamte Thema, nahezu unerforscht. Hier soll damit ein weiteres Mosaiksteinchen als Beitrag zur Geschichte der Rüstung, speziell für den Zweiten Weltkrieg geliefert werden.

Anders als in den Fachgebieten der Geographie oder der Archäologie sind es Historiker meist nicht gewöhnt, mit Luftbildern zu arbeiten, obwohl sie großes Potential bieten. Das liegt zum einen an der starken Konzentration auf Textquellen, aber auch unter anderem daran, dass nicht-kämpfende Einheiten innerhalb der Militärgeschichtsschreibung meist weniger Aufmerksamkeit erfahren haben. Da zudem die Militärgeschichte gerade in Deutschland jahrelang als unpopulär galt, verwundert die geringe Anzahl historischer Fachpublikationen zu diesem Thema keineswegs. Drittens mag die vergleichsweise geringe Beschäftigung mit Luftaufnahmen militärischer Herkunft – die zweifelsohne die umfangreichsten Bestände darstellen dürften – auch darin begründet sein, dass Zugangsmöglichkeiten und Findhilfen nur sehr eingeschränkt zur Verfügung standen. Die Ursache hierfür liegt darin, dass Aufnahmen militärischer Provenienz auch noch während des Kalten Krieges von Seiten der Amerikaner und Briten eine gerne genutzte Informationsquelle darstellten, die erst mit Abflauen dieses Konflikts und der wachsenden Bedeutung der Satellitenaufnahmen nach und nach freigegeben wurde.

Aus diesem Grund enthält die am Karlsruher Institut für Technologie entstehende Dissertation zudem Hinweise zu Archiven und Sammlungen, in denen solche Aufnahmen heute zu finden sind. Parallel wurde eine digitale Findhilfe entworfen, die den Großteil aller weltweiten Archive, die Aufklärungsaufnahmen der NS-Luftwaffe verwahren, erfasst. Dieses detailreiche, elektronische Findbuch verbindet die Datenbestände zudem mit geographischen Positionen, was eine Nutzung erleichtert. So soll, nach Fertigstellung und Publikation, zumindest eine der Hürden für die Beschäftigung von Historikern und Historikerinnen mit dieser interessanten Quellengattung genommen werden.

Artikeltyp: 
Christian Th. Müller
Veröffentlicht am: 
Sonntag, 15. Dezember 2019 - 16:59