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Schlachtfeldarchäologie in Klessin: Zwischen Panzerfaust und Rosenkranz

Von: 
Katharina Straub
Mitglieder des VBGO legen Überreste von zwei Rotarmisten frei (Quelle: K.Straub)

Die Spuren der Verwüstung und Zerstörung, die der Zweite Weltkrieg im Oderbruch im Osten Brandenburgs hinterlassen hat, sind heute auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen. Verschwunden sind sie jedoch nicht. Auch in der kleinen Ortschaft Klessin auf dem Reitweiner Sporn hat der Krieg Narben hinterlassen. Wo heute nur Wald und Wiesen zu sehen sind, befand sich bis Kriegsende ein eindrucksvolles Gut. Genau hier tobten vor nunmehr beinahe siebzig Jahren erbitterte und für beide Seiten äußerst verlustreiche Kämpfe, die am 31. Januar 1945 mit dem Übersetzen erster sowjetischer Truppen über die zugefrorene Oder begannen. Diese Kämpfe waren der Auftakt zur Schlacht um Berlin und damit zum Finale des Zweiten Weltkriegs in Europa.1

Klessin – insbesondere dem Gut – kam aufgrund seiner Lage auf dem Reitweiner Sporn eine besondere Bedeutung bei den Kampfhandlungen zu, da von hier aus sowjetische Übersetzstellen im Raum Küstrin eingesehen werden konnten. Zwar drangen bereits am 5. Februar 1945 sowjetische Einheiten in den Ort ein, doch das Dorf wurde erst einen Monat später endgültig von den eigenen Linien abgetrennt. Die letzten Verteidiger gaben Klessin am 23. März 1945 nach aussichtslosem Kampf auf. Die Ortschaft wurde bei den wochenlangen Kämpfen völlig zerstört und noch immer gelten hier hunderte Soldaten als vermisst.2

Auf der Suche nach vermissten Kriegstoten: Die Arbeit des VBGO

Die in orange Kombinationen gekleideten Männer und Frauen, die sich in Klessin versammelt haben, sind Mitglieder des 1992 gegründeten Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa e.V. (VBGO). Der in der Bundesrepublik Deutschland eingetragene Verein hat sich zum Ziel gesetzt, vermisste Kriegstote ungeachtet ihrer Nationalität zu bergen, ihnen eine würdige Bestattung zu ermöglichen und Hinterbliebenen Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen zu verschaffen. Insgesamt hat der VBGO bis heute in fast 150 Einsätzen – allen voran in Deutschland, Polen und Russland – mehr als 7000 Kriegstote geborgen. Der Verein arbeitet dabei eng mit den Behörden und anderen offiziellen Stellen sowie mit Suchgruppen verschiedener Länder, vor allem aus Russland und Polen, zusammen.3

Die Gründe, warum die ehrenamtlich tätigen Mitglieder den Grabungsarbeiten Freizeit und Urlaub widmen, sind vielschichtig. Einige von ihnen haben selbst Angehörige, die bis heute auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs vermisst sind. Sie wissen daher aus eigener Erfahrung, wie wichtig es für Hinterbliebene und Nachkommen auch heute noch ist, Nachricht über den Verbleib von Vermissten zu erhalten. Andere sehen in ihrem Einsatz einen Beitrag zur Völkerverständigung, denn die gemeinsame Arbeit verbindet ebenso wie das Wissen, dass sich ehemals verfeindete Nationen um die Gefallenen der früheren Gegner kümmern. Darüber hinaus leistet die Arbeit des VBGO als Teil der Schlachtfeldarchäologie einen wichtigen Beitrag zur Geschichtswissenschaft – nicht zuletzt auch deshalb, weil die Ergebnisse und Funde ordnungsgemäß dokumentiert und gemeldet werden und somit helfen, historische Archivrecherchen zu verdichten.

In Ruinen und auf Feldern

In Klessin ist der Verein im Mai 2014 bereits zum neunten Mal im Einsatz. Gesucht und gegraben wird hier anhand von Luftbildaufnahmen und Archivmaterial. Hinzugezogen werden daneben auch Zeugenaussagen von Soldaten, die im Frühjahr 1945 an den Kämpfen um Klessin beteiligt waren, oder von Zeitzeugen, welche die Kämpfe und Aufräumarbeiten selbst miterlebten und somit Hinweise zu möglichen Grablagen geben können.

Während im Herbst 2013 die Ruinen der Arbeiterhäuser des Guts Klessin und die dazugehörigen Schützenstellungen ausgegraben und untersucht wurden, sind im Frühjahr 2014 das ehemalige Gutshaus und die dazugehörigen Stellungen Einsatzorte des VBGO (Abb. 1). Zudem werden bei jedem Einsatz auch Teile angrenzender Felder abgesucht (Abb. 2). Während für große Aushubarbeiten Bagger zur Verfügung stehen, ist das Freilegen von Schützen- und Granatlöchern ebenso Handarbeit wie das Ausgraben von Metallgegenständen, die mit Hilfe von Bodenradar und Metalldetektoren aufgespürt werden. Fast immer handelt es sich bei diesen Funden um Granatsplitter, Munitionsreste, Ausrüstung oder um Abfälle und Schrott neueren Datums. Trotzdem ist dies oft die einzige Möglichkeit, Gefallene außerhalb der Schützengräben zu finden, sofern sie Gegenstände aus Metall bei sich tragen. Im Mai 2014 werden so zwei Soldaten abseits der Straße gefunden: Hier wird nach einem Signal des Bodenradars zunächst nur nach einem größeren Metallgegenstand gegraben, als sich im Aushub ein menschlicher Rippenknochen findet. Sorgfältig wird das Loch um die Fundstelle vergrößert – eine anstrengende Arbeit, denn die Erde ist hart und schwer. Endlich ist die erste Schicht des Skeletts freigelegt, ebenso wie das darauf liegende Rohr einer abgeschossenen Panzerfaust und ein deutsches Kochgeschirr, wobei der Fund eines weiteren Beinpaars offensichtlich macht, dass hier nicht ein, sondern zwei Tote begraben liegen. Sobald beide Skelette freigelegt sind, wird die Grablage ausgemessen und fotografisch dokumentiert (Abb. 3). Erst dann werden die Überreste geborgen und in kleine Holzsärge gelegt. Beide Gefallenen werden namenlos bestattet werden müssen, da sie nicht identifizierbar sind. Anhand von Skelett, Gebiss, Schuhwerk und einem Gardeschützenabzeichen kann jedoch zumindest eindeutig festgestellt werden, dass es sich bei den beiden Toten um blutjunge sowjetische Soldaten handelt. Zudem kann aufgrund der Fundsituation der Toten angenommen werden, dass sie erst Tage nach den Kämpfen notdürftig von Anwohnern begraben worden sind.

Ein namenloses Grab erhalten auch zwei Rotarmisten, die im Herbst 2013 unweit der deutschen Stellungen auf einem Acker geborgen werden. Der erste der beiden wird dank des Spatens gefunden, den er während der Schlacht bei sich getragen hatte. Fast scheint es, als sitze der Soldat zusammengesunken in der Erde. Sein zertrümmerter Schädel liegt auf Rippen- und Wirbelknochen, die angewinkelten Beine sind gebrochen. Die Fundsituation legt die Vermutung nahe, dass er in einem Granattrichter Deckung suchte und dabei tödlich getroffen wurde. Kaum drei Meter daneben wird ein weiterer Rotarmist gefunden. Er liegt ausgestreckt auf dem Bauch, den rechten Arm angewinkelt vor dem Gesicht (Abb. 4). Auch wenn die Rotarmisten nicht identifiziert werden können, geben ihnen ihre persönlichen Gegenstände dennoch ein Gesicht. So finden sich bei den Überresten des einen Soldaten neben einem Notizbuch, Farbstift, Klebeband und Essbesteck eine Tabakpfeife, ein zerfallener Glücksbringer aus bunten Perlen und ein Rosenkranz.

Ein Fenster in die Vergangenheit

Auf den ersten Blick mag der Fund eines einzelnen vermissten Kriegstoten historisch bedeutungslos erscheinen. Der Beitrag der aus Grabungen und Funden gewonnenen Erkenntnisse ist für die militärhistorische Forschung jedoch nicht zu unterschätzen. Zunächst sind die freigelegten Stellungen Teil der Topografie eines Schlachtfeldes. An der Bodenstruktur ist nicht nur der genaue Verlauf eines Grabens ersichtlich, auch Art und Ausmaß des Beschusses werden nachvollziehbar. Zudem können die Ausgrabungen Hinweise zum Gefechtsverlauf geben – insbesondere dann, wenn diesbezüglich weitere Quellen fehlen, weil sich beispielsweise die Überlebenden aus der Stellung zurückgezogen haben oder weil es keine Überlebenden gab. Auch die im Zuge der Grabungsarbeiten zu Tage geförderte Ausrüstung kann direkt oder indirekt Aufschluss über den Zustand einer Truppe geben; zum Beispiel, wenn HistorikerInnen der Frage nachgehen, wie gut oder schlecht bestimmte Einheiten im letzten Kriegsjahr tatsächlich ausgestattet waren. Auch die Toten selbst können durch ihre Anatomie, Pathologie, die Art, wie sie ums Leben kamen, oder auch durch persönliche Gegenstände, die sie bei sich tragen, historiografisch wichtige Informationen liefern. Gerade die persönlichen Gegenstände machen aber vor allem eines deutlich – nämlich, dass es sich bei den Überresten um Menschen handelt. Vielleicht ist gerade diese Erkenntnis von unschätzbarer Bedeutung für MilitärhistorikerInnen. Denn bei der Recherche in Archiven und dem Quellenstudium verschwindet der Mensch allzu oft hinter Zahlen, Statistiken und Sätzen. Selbst zeitgenössische Bild- und Filmaufnahmen können nicht dieses Gefühl eines „Fensters in die Vergangenheit“ vermitteln, wie es das Bergen der Gebeine eines Gefallenen knapp siebzig Jahre nach dessen gewaltsamen Tod vermag.

  • 1. Gerd-Ulrich Hermann/Uwe Klar, Der Schlüssel für Berlin. Hintergründe, Vorbereitung und Verlauf der Schlacht um die Seelower Höhen, Aachen 2010, S. 79-91.
  • 2. Richard Lakowski, Seelow 1945. Die Entscheidungsschlacht an der Oder, Sankt Augustin 1999, S. 107-111.
  • 3. Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa e.V. www.vbgo.de (Stand 15. Juli 2014).
Freilegen eines Schützengrabens (Quelle: K. Straub)
Ein Feld wird mit Bodenradar nach Metallgegenständen abgesucht (Quelle: K. Straub)
Überreste eines Rotarmisten mit Gardeschützenabzeichen (Quelle: A. Laue)
Die Grablage eines Rotarmisten wird vermessen und dokumentiert (Quelle: K. Straub)
Takuma Melber

Zitierempfehlung

Katharina Straub, Schlachtfeldarchäologie in Klessin: Zwischen Panzerfaust und Rosenkranz, in: Portal Militärgeschichte, 15. September 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/Straub_Schlachtfeldarchaelogie. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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