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Sebastian Schaar, Wahrnehmungen des Weltkrieges

Selbstzeugnisse Königlich Sächsischer Offiziere 1914-1918
Von: 
Dirk Reitz
Schaar Cover

Die vorliegende Arbeit Sebastian Schaars wurde als Dissertationsschrift am Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte an der Universität Leipzig bei Prof. Dr. Enno Bünz im Jahre 2010 vorgelegt. Sie erschien als Band 11 der bekannten MGFA/-ZMSBw-Reihe „Zeitalter der Weltkriege“.

Obgleich die Schrift prima vista auf den Selbstzeugnissen von neun sächsischen Offizieren fußt (zwei Leutnante d.R., zwei Leutnante, ein Hauptmann, ein Oberstleutnant und drei Generale), reicht sie dennoch weit darüber hinaus, indem sie ein beeindruckendes Soziogramm des sächsischen Offizierkorps in der Zeit des Ersten Weltkriegs entfaltet. Trotz der relativ kleinen Stichprobe extrahiert der Autor aus dieser vielfältige Erkenntnisse und Einsichten. Dies zumal sich unter den Bezugspersonen zwei höchst prominente Vertreter des Korps von 4.000 aktiven und 21.000 Reserveoffizieren finden: Prinz August Heinrich von Sachsen (1896-1971) und Arnold Vieth von Golßenau, alias Ludwig Renn, (1889-1979). Daneben u.a. bürgerliche Akademiker etc., so dass behauptet werden kann, dass die untersuchten Offiziere „nach Herkunft und Karriere im Wesentlichen dem Querschnitt des [...] Korps entsprachen“ (S. 37).

Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich ausschließlich auf die Zeit des Weltkriegs und fokussiert räumlich vornehmlich auf „die Front“ (S. 13), und dennoch erschöpft sich die Studie nicht etwa in der Schilderung des ‚Fronterlebnisses’. Schaar zielt darauf ab, einen mentalitätsgeschichtlichen Einblick in das Korps zu bieten (S. 17), und markiert hierfür mehrere Wahrnehmungskomplexe, die er im Zuge der Arbeit durchdekliniert (s.u.).

Der methodologische Ansatz der Arbeit ist hierbei klar biographisch, indem persönliche Wahrnehmungen auf ihre Verallgemeinerungsfähigkeit hin untersucht werden. Dies leistet Schaar, indem er validierend Schriften aus einer vergleichbaren Kontrollgruppe, wie z.B. Ernst Jüngers, heranzieht und als evidenzstiftenden Ansatz die Aussagen anhand objektiver Quellen, wie Statistiken, Dienstvorschriften etc. vergleichend konsultiert. Hinzu kommt, dass der Verfasser für die Arbeit eine stupende Menge an Literatur und weiteren gedruckten und ungedruckten Quellen und Nachlässen, insb. aus dem Hauptstaatsarchiv in Dresden erschloss.

Entsprechend diskutiert Schaar die Herkunft und Überlieferungsgeschichte des genutzten Materials mit dem Handwerkszeug der klassischen Quellenkritik, was angesichts der z.T. rückblickenden Erzählperspektive der Protagonisten (S. 60), dem oftmals auf den Empfängerhorizont zugeschnittenen Duktus von Briefen von der Front und der Neigung zur Eigenapologetik in autobiographischen Schriften und Memoiren unerlässlich ist.

Im Hauptteil (S. 63-270) unternimmt es Schaar, die Egozeugnisse unterschiedlichen Wahrnehmungskomplexen zuzuordnen, wie z.B. dem Umgang mit Vorgesetzten und Untergebenen, dem Comment im Korps, und dessen Wandel unter den Bedingungen von Krieg und de-homogenisierender personeller Vermehrung. Besonderes Augenmerk verdienen hierbei die Aussagen zu den Fragen von Krieg, Tod und Verwundung, aber auch zu Themen, wie Partnerschaft, Ehe und Sexualität, bis hin zum delikaten Gegenstand der Homosexualität, der im Falle Ludwig Renns eine besondere Färbung gewinnt. Sogar Aussagen über den allgemeinen Gesundheitszustand im Korps, zum Teil als Folge des dienstlich geforderten Lebenswandels, sind möglich.

Trotz der zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Erster Weltkrieg in jüngerer Zeit ragt die Arbeit heraus, zumal es bisher an vergleichbaren Untersuchungen für die Offizierkorps anderer Reichs-Kontingente mangelt. Zwar soll die Arbeit keine Geschichte des königlich sächsischen Offizierkorps in der Periode des Weltkriegs sein, obgleich sie sich bisweilen als solche lesen lässt, zumal es an der Erwähnung zahlreicher prominenter Vertreter des Korps in den Selbstzeugnissen nicht gebricht. Jedoch behebt sie – selbstredend – das Desiderat einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden ersten Geschichte der sächsischen Armee nicht, sondern verweist eher auf dieses.

Die „Wahrnehmungen“ münden in eine ausführliche Schlussbetrachtung (S. 271-280) in der noch einmal die Grenzen und Möglichkeiten des Materials aufgezeigt und die Ergebnisse der Einzelkomplexe verdichtend präsentiert werden. Die Lektüre verspricht persönlichen Gewinn, zumal der Text wissenschaftliche Qualität und Lesbarkeit in erfreulicher Weise vereint. Zudem erlag der Autor nicht der Versuchung des Materials, ins Anekdotische abzugleiten, so dass eine klare Linie von Fragestellung und Argumentation konsequent gewahrt ist. Hinzu kommt, dass der Autor die Viten seiner Protagonisten über das Jahr 1918 hinaus verfolgt, so dass diese noch deutlicher fass- und wahrnehmbar bleiben. Studien zu den Offizierskorps anderer Reichs-Kontingente werden sich an der vorliegenden Arbeit messen lassen müssen.

Dr. Dirk Reitz (Dresden)

Sebastian Schaar, Wahrnehmungen des Weltkrieges – Selbstzeugnisse Königlich Sächsischer Offiziere 1914-1918 [=Zeitalter der Weltkriege Bd. 11], Paderborn 2014. 1. Aufl. 2014, 344 Seiten, Festeinband, ISBN: 978-3-506-77998-4, Preis: EUR 39.90 / CHF 48.70

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Dirk Reitz, Sebastian Schaar, Wahrnehmungen des Weltkrieges. Selbstzeugnisse Königlich Sächsischer Offiziere 1914-1918, in: Portal Militärgeschichte, 10. August 2015, URL: http://portal-militaergeschichte.de/reitz_zu_schar_wahrnehmungen. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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