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"Lustige Publikation" aus dem "Kriegsunterschlupf"

Der Almanach der "Bösen Buben" (1917/18)
Von: 
Christian Westerhoff
DOI: 
10.15500/akm.02.07.2018
Abb. 1: AAlmanach der "Bösen Buben" [1917/18], Rückseite des Titelblatts

Im Sommer 1915 eroberten deutsche Truppen umfangreiche Territorien im Westen des Russischen Reiches. Im besetzten Litauen, Kurland und Nordostpolen wurde unter der Bezeichnung „Ober Ost“ eine Militärverwaltung unter der Leitung von Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff installiert. In Kowno (heute Kaunas) befand sich die Zentralverwaltung, die bald ein strenges Regiment über das besetzte Gebiet ausübte. Neben der von Militärbeamten verwalteten Ausbeutung des Gebiets organisierte die Militärverwaltung Ober Ost eine breit angelegte „Kulturarbeit“ für die als unzivilisiert angesehene einheimische Bevölkerung. Ziel war die Propagierung der als überlegen geltenden „Deutschen Kultur“. Eine eigene Presseabteilung sorgte dafür, dass Ober Ost „gute Presse“ bekam. Sie organisierte Reisen für Pressevertreter und gab eigene Zeitungen und Broschüren für die Besatzer und die einheimische Bevölkerung heraus. Auch das Erstellen eines sieben-sprachigen Wörterbuches für die verschiedenen Landessprachen und die Ausübung von Zensur gehörten zu ihren Aufgaben.

Unter den Mitarbeitern befanden sich zahlreiche Künstler und Literaten, die auf diese Weise vor dem Kriegsalltag an der Front bewahrt blieben. „Die Presseabteilung beim Oberbefehlshaber Ost war für frontungeeignete aber schöpferische Geister, die sich hier immer mehr zusammenfanden, in dieser eigenartig bunten Umwelt zwischen den östlichen Fremdvölkern ohne Zweifel eins der bedeutsamsten Kriegsunterschlupfe“,1 formulierte es ein Zeitzeuge. Zu diesem „Klub ehemaliger Intellektueller“2  gehörten unter anderem die Schriftsteller Arnold Zweig, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg, Sammy Gronemann und Alfred Brust sowie die Maler Hermann Struck, Magnus Zeller und Karl Schmidt-Rottluff.

Der illustre Kreis widmete sich nicht nur seinem amtlichen Auftrag, sondern veranstaltete überdies „übermütige Feste“ und veröffentlichte „lustige Publikationen“. Den „Gipfel“ der Publikationstätigkeit bildete laut Sammy Gronemann die Herausgabe des Almanachs der „Bösen Buben“.3

Dieses seltene Werk, das im Original sonst nur im Deutschen Literaturarchiv in Marbach nachgewiesen ist, konnte die Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek (BfZ) vor kurzem auf einer Auktion erwerben. In der Broschüre setzen sich zahlreiche renommierte Künstler satirisch mit der Arbeit der Presseabteilung Ober Ost auseinander. Zweifel der Künstler an ihrer dienstlichen Tätigkeit kommen zur Sprache. Insbesondere die Bürokratie und die Zensur werden immer wieder thematisiert. Auch das von der Presseabteilung erstellte Lexikon der Landessprachen von Ober Ost wird aufs Korn genommen. Das 100 Jahre alte Werk stellt eine wertvolle Ergänzung der umfangreichen Bestände der BfZ zur Propaganda im Ersten Weltkrieg dar.

  • 1. Frentz, Hans: Über den Zeiten. Künstler im Kriege, Freiburg 1931, S. 7.
  • 2. Gronemann, Sammy: Hawdoloh und Zapfenstreich. Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916-18, Königstein im Taunus 1924, S. 45.
  • 3. Gronemann, Sammy: Erinnerungen 1875–1918, S. 319, https://www.lbi.org/digibaeck/results/?qtype=pid&term=376905 (4.5.2018).
Abb. 2: Blatt 9: Parodistische Darstellung der Arbeit der Presseabteilung Ober Ost
Abb. 3: Blatt 12
Gundula Gahlen

Zitierempfehlung

Christian Westerhoff, "Lustige Publikation" aus dem "Kriegsunterschlupf". Der Almanach der "Bösen Buben" (1917/18), in: Portal Militärgeschichte, 2. Juli 2018, URL: http://portal-militaergeschichte.de/westerhoff_almanach. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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