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Geheime Netzwerke im Militär

1700 bis 1945
Von: 
Christoph Bartz-Hisgen
Cover Gahlen et. al. Geheime Netzwerke

Das mittelhochdeutsche Wort Heinlîche bzw. sein lateinisches Pendant secretarium beschreiben „einen vertrauten oder verborgenen Ort, an dem sich zwei oder mehrere Personen nichtöffentlich zusammenfinden.“ [1] So sollen an diesen geheimen Orten, in einer Kultur der Mündlichkeit, vertrauliche Gespräche stattfinden können, die fremden Ohren und Augen entzogen sind. Mit dem Wechsel von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit kommen nichtöffentliche Schriften zum Verborgenen hinzu, müssen in abschließbaren Räumen oder Truhen gesichert werden. In der Frühen Neuzeit wird die Heimlichkeit des Schriftguts zum Teil der Herrschaftssicherung, was wir bis heute vorfinden. [2] Man denke nur an die E-Mailaffäre der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Konträr dazu steht der Begriff der Öffentlichkeit, für den das Mittelhochdeutsche jedoch keine entsprechende Bezeichnung geprägt hat. Zu nennen wären in diesem Kontext höchstens sehen, schouwen, schallen oder lûtbaeren, die aber lediglich „Formen aktiver Teilhabe am Vollzug des höfischen Lebens“ darstellen, die aber wichtig für die Repräsentation von Herrschaft waren. So bilden Heimlichkeit und Öffentlichkeit Gegensätze, die sich aber gegenseitig bedingen und für die Ausübung von Herrschaft und Macht von zentraler Bedeutung waren und bis heute sind. [3]

Auch in dem hier zu besprechenden Sammelband findet sich in diversen Beiträgen eben jene angesprochene Gegensätzlichkeit. Sei es bei dem von Anne-Simone Rous vorgestellten Geheimbund „Société des antisobres“, der „Verschwörung bulgarischer Offiziere 1886/87“, dargestellt von Deniza Petrova, im Vorfeld der „Vorbereitung des Posener Aufstandes 1918“, dargelegt durch Jens Boysen oder bei der „Vorbereitung und Durchführung des Attentats- und Staatsstreichsversuch am 20. Juli 1944“, vorgestellt von Linda von Keyserlingk. Doch auch wenn viele der im Tagungsband vorgestellten Geheimbünde schlussendlich ein gewisses Maß an Öffentlichkeit benötigten, um eventuelle Forderungen oder Taten durch- und/oder umsetzen zu können, so waren sie aber auf Geheimhaltung und Verschwiegenheit angewiesen. Jegliche Form der Schriftlichkeit beinhaltete somit das Risiko, enttarnt zu werden und als erdrückende Beweislast bei eventuellen Strafverfahren zu fungieren. Hierin liegt eine Schwierigkeit bei der Bearbeitung der zentralen Fragestellung der Tagung, nämlich nach den Wechselwirkungen zwischen Geheimbundorganisationen und dem Militär. Daher greifen die Autoren der Beiträge häufig auf Netzwerkanalysen zurück, um so Verbindungen der verschiedenen beteiligten Personen und deren Einfluss auf politisch-militärische Entscheidungen und Ereignisse zu rekonstruieren.

Der Aufsatzband ist das Ergebnis einer internationalen Tagung am 4. und 5. Oktober 2012 in Bern, die die geheimen Netzwerke im Militär gezielt in den Fokus nahm und deren Bedeutung und Einfluss aus sozial- und kulturgeschichtlicher Sicht hinterfragte. [4] Untersucht wurde der Zeitraum zwischen 1700 und 1945, da sich in dieser Zeit sowohl der moderne Staat als auch die Geheimbünde und verschwörerischen Gruppierungen entwickelten. Begründet wird das zeitliche Ende mit dem meist erzwungenen Schritt in die Öffentlichkeit vieler bis dahin geheimer Ereignisse oder Organisationen sowie der doch stark gewandelten politischen Weltlage. Der Begriff des „geheimen Netzwerks“ wurde gewählt, da er viele Termini subsumiert, wie Geheimbund, konspirative Vereinigung oder informelle Verbindungen. So soll der Begriff vor allem nicht ausschließlich als konspirative oder umstürzlerische Vereinigung verstanden werden, sondern als geschlossene Gesellschaft, die sich durch ihre Nichtöffentlichkeit ausweist.

Die im Sammelband besprochenen geheimen Netzwerke werden durch die Autoren in fünf Typen unterteilt, wobei eine scharfe Abgrenzung nicht immer vorgenommen werden kann, zumal auch imaginierte Netzwerke einbezogen werden. Die erste Gruppe umfasst esoterische Geheimbünde oder Geheimgesellschaften, wie Freimaurer oder Rosenkreuzer. Eine zweite Gruppe bilden politische Verschwörungen oder Geheimbünde, die gesellschafts- oder staatsverändernde Absichten hatten. Funktionale geheime Netzwerke bilden die dritte Gruppe. Diese waren vor allem an der Durchsetzung militärischer und politischer Belange interessiert. Eine vierte Gruppe bilden informelle Netzwerke aus aktiven und/oder ehemaligen Militärs, deren politischen, militärischen oder gesellschaftlichen Ziele ebenfalls staatsverändernd sein sollten. Die fünfte Gruppe stellen dysfunktionale geheime Netzwerke im Militär dar, die auf eine Schädigung des Militärs von innen heraus abzielten. Ein weiterer Typ stellt Mischformen zwischen den einzelnen angesprochenen Gruppen dar, wie der angebliche Einfluss der Illuminaten auf die bayrische Armee und den bayrischen Staat.

Den Autoren gelingt es durch ihre Beiträge, eine internationale Perspektive auf das Thema zu werfen. So wird die Rolle der Freimaurer in der karibischen See durch Allison O. Ramsay näher betrachtet, die neben der Auswertung von Mitgliederlisten auch Grabsteininschriften ehemaliger Freimaurer heranzieht. Ramsay zeichnet nach, wie sich in den Freimaurer-Logen militärische und zivile Bereiche mischten, gleichzeitig aber eine Stärkung von kultureller Identität, Patriotismus und Loyalität erzeugten. Dagegen wählt Andreas Önnerfors einen soziologischen Ansatz bei der Betrachtung des Wallhall-Ordens, der sich aus finnischen Offizieren innerhalb der schwedischen Streitkräfte zusammensetzte. Schlussendlich beteiligten sich mehrere Offiziere des Ordens an einer Verschwörung gegen den König. Önnerfors zieht für seine Analyse der Formierung von Normen innerhalb der schwedischen Armee, Georg Simmels Aufsatz „The sociology of secrecy and secret societies“ von 1906 heran. Er kommt aber zu dem Schluss, dass vor allem Frustration über nicht erfüllte Erwartungen eine Eskalation herbeiführte.

Was ebenfalls gut gelingt, ist das Aufzeigen internationaler Einflüsse auf die Arbeit der geheimen Netzwerke durch damals bestehende oder ehemals vorhandene Okkupationen. Vaios Kalogrias zeigt in seinem Aufsatz, wie „Die Nationale Gesellschaft“, ein Geheimbund, der aus der Heimlichkeit in die Öffentlichkeit tritt, maßgeblich an der Eskalation der Kreta-Frage mit dem Osmanischen Reich beteiligt war. In diesem Zusammenhang ist auch die Arbeit von Deniza Petrova zu nennen, die am Beispiel bulgarischer Offiziere zeigt, wie versucht wird, eine Staatswerdung und Identitätsfindung voranzutreiben, dabei den Einfluss des Osmanischen Reichs nicht wieder aufkeimen zu lassen, aber im Zuge des Panslawismus, eine Ausweitung russischen Einflusses zu ermöglichen, da sich Teile der bulgarischen Offiziere zur Loyalität gegenüber ihren russischen Ausbildern verpflichtet sahen.

Auch die Vorbereitung des Posener Aufstandes, die Jens Boysen näher betrachtet, ist im Spannungsfeld von Heimlichkeit und Öffentlichkeit zu sehen, hierbei vor allem aus sprachlicher Sicht. Er kann rekonstruieren, dass die Vorbereitungen in Teilen geheim abliefen, dass polnische Militärs und Politiker den Ausbruch des Aufstandes gezielt vorantrieben, sogar Kommandostrukturen aufbauten, sollte der Staat zusammenbrechen, und dies schlussendlich nur in Teilen geheim taten, da die deutschen Behörden in der Regel der polnischen Sprache überhaupt nicht mächtig waren. Umgekehrt aber deutsche Sprachkenntnisse vorhanden waren.

Jürgen Kilian kann durch eine Netzwerkanalyse der Generalstabsoffiziere Joachim von Stülpnagel, Friedrich Wilhelm von Willisen und Kurt von Schleicher und deren Umfeld aufzeigen, dass ihre Kameradschaft und Freundschaft schon seit ihrer Studienzeit und dem anschließendem Besuch der Kriegsakademie bestand. Durch das Besetzen wichtiger Schlüsselposition wird versucht, Leitlinien für den Einsatz und die Organisation zu bestimmen und Einfluss auf die Politik zu nehmen. Trotz ihrer zahlreichen Verbindungen auch innerhalb des Reichswehrministeriums kann Kilian darstellen, dass der Einfluss und Dauer dieser Verbindungen jedoch begrenzt waren. Zumal Animositäten und Ressentiments zum Scheitern führten.

Gundula Gahlen siedelt sich mit ihrem Aufsatz im Mischtypus der Geheimbünde ein. Sie beschreibt die Auswirkungen der Tätigkeit der Illuminaten innerhalb des bayrischen Militärs, und welche Ängste dies im Königshaus auslöste. Dies gipfelte in der Einführung des Illuminateneides, der bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bestehen blieb, obwohl die Illuminaten nach der Einführung des Eides eine Austrittswelle der Offiziere erlebten und ihre Einfluss auf den Staat deutlich zurückging. Mit dem Eid wurden auch harte Bestrafungen und Sanktionen formuliert, die ein jedes Mitglied zu erwarten hatte, sollte man es „enttarnen“. Die Realität zeugte aber von einer eher sehr milden Bestrafungspraxis.

Es gelingt in den verschiedenen Aufsätzen über weite Strecken den Aufbau und die Organisation der diversen Netzwerke zu rekonstruieren, und auch deren Mitglieder namentlich ausfindig zu machen. Darüber hinaus dürften die verschiedenen Beiträge weitere Fragestellungen ergeben, die man synthetisierend zusammenführen könnte, wie beispielsweise von Stülpnagels Rolle in der Weimarer Republik und beim späteren Hitler-Attentat. Darüber hinaus leistet dieser Sammelband einen wertvollen Beitrag und eine tolle Ergänzung zu bereits erschienen Sammelbänden zur Arbeit von Geheimbünden und Geheimgesellschaften, wie denen von Jost Hermand und Sabine Mödersheim, Gisela Graichen und Alexander Hesse sowie Frank Jacobs. [5] Manches bleibt jedoch noch schemenhaft und im Ungewissen, wie der tatsächliche politische und/oder militärische Einfluss, den die verschiedenen Netzwerke genommen haben. Dies kann den Autoren jedoch kaum zum Vorwurf gereicht werden, da die Quellenproblematik eindeutig hervorgehoben wurde. So bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass die Zeit weitere Quellen aus der Heimlichkeit in die Öffentlichkeit führt.

[1] Horst Wenzel, Sekretäre - heimlîchaere. Der Schauraum öffentlicher Repräsentation und die Verwaltung des Geheimen. In: Europa. Kultur der Sekretäre, hrsg. v. Bernhard Siegert und Joseph Vogl, Zürich/Berlin 2003, S. 35.
[2] Wenzel, Sekretäre, S. 36-37.
[3] Wenzel, Sekretäre, S. 34-35.
[4] Tagungsbericht: Geheime Netzwerke im Militär vom 18. Jahrhundert bis 1945, 04.10.2012 – 05.10.2012 Bern, in: H-Soz-Kult, 01.02.2013 .
[5] Jost Hermand/Sabine Mödersheim, Deutsche Geheimgesellschaften. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Köln u.a. 2013; Gisela Graichen/Alexander Hesse, Geheimbünde. Freimaurer und Illuminaten, Opus Dei und Schwarze Hand, Reinbek bei Hamburg 2015; Frank Jacob, Geheimgesellschaften. Kulturhistorische Sozialstudien, Würzburg 2013.

Gundula Gahlen, Daniel Marc Segesser, Carmen Winkel (Hg.), Geheime Netzwerke im Militär 1700-1945, Schöningh Verlag: Paderborn 2016 (=Krieg in der Geschichte, Bd. 80), 223 S. 4 s/w Abb, 3 s/w Tab., Festeinband, ISBN 978-3-506-77781-2 , 34,90 €/42,60 CHF

Christian Th. Müller

Zitierempfehlung

Christoph Bartz-Hisgen, Geheime Netzwerke im Militär. 1700 bis 1945, in: Portal Militärgeschichte, 24. Oktober 2016, URL: http://portal-militaergeschichte.de/bartz-hisgen_zu_geheime_netzwerke. (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu.)

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